BGH · III ZR 192/53
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
mündliche Verhandlung vom 24; März 1955 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Prof* Br,Geiger sowie der1 Bundesrichter Br, Pagendarm, Br,Weber, Br, Kreft und Br, Hußla für Hecht erkannt; Auf die Anschlußrevision des Klägers wird das bezeich-hete Urteil insoweit aufgehoben, als es zu dem Nachteil des Klägers erkannt hat0 In diesem Umfange sowie hinsichtlich der Kosten der Revision wird die Sache zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückverwiesen, Von Hechts wegen Der Kläger macht die Beklagte für den Unfall verantwortlich, weil sie pflichtwidrig die vereiste Fahrbahn ander Unfallstelle nicht habe bestreuen lassen, und nimmt die Beklagte auf Zahlung von 2.337,80 DM (an dem Wagen erlittener Sachschaden sowie Verdienstausfall) nebst Zinsen und auf Zahlung eines in das Ermessen des Gerichts gestellten Schmerzensgeldes in Anspruch. Sie hat sich namentlich damit verteidigt, sie sei überhaupt nicht verpflichtet, die Fahrbahn einer Straße an der Unfallstelle zu bestreuen, sie habe lediglich aus freien Stücken alle Maßnahmen getroffen, eine Bestreuung der Oldenburger Straße bei Glatteis zu gewährleisten^ am Morgen des Unfalltages sei.auch tatsächlich an der Unfallstelle gestreut worden. die Pahrfcahn bei Glatteisbildung nicht nur an besonders gefährlichen Stellen, sondern darüber hinaus, auch mindestens, an allen den Stellen zu bestreuen, wo Seitenstraßen die Hauptverkehrsstraße kreuzen oder in sie ein-münden, und wenn sich daraus, für Benutzer der Hauptverkehrsstraße die Notwendigkeit ergeben kann, unvorhergesehen zu bremsen; die Beklagte hätte daher an der Unfallstelle streuen lassen sollen, obwohl diese durch die nicht beson- Der Senat hat bereits im Urteil vom 24» April 1952 HI ZR 78 und 79/51 - in den hier einschlägigen Stellen teilweise abgedruckt in VersR 1952, 287 - entschieden, daß eine Gemeinde an einer gefährlichen, einen nicht unerheblichen Verkehr aufweisenden Straßenstelle auch die Fahrbahn zu bestreuen habe, und hat in einem der Entscheidüng-beigegebenen Beitsatz es allgemein für geboten bezeichnet;!5 Die Streupflicht bildet einen Teil der einer Gemeinde obliegenden Pflicht zur Verkehrssicherung auf einem öffentlichen Weg. Quelle ‘dieser Pflicht ist, wie der Senat mehrfach dargelegt hat (u.a, in BGHZ 9, 373; 14> 83), der Tatbestand, daß nach der im Einzelfall bestehenden Bage der Verhältnisse von . Ein solcher Tatbestand begründet nicht nur die Verkehrssicherungspflicht , sondern ist auch für ihren Umfang von Bedeutung» Der Umfang der Pflicht zur Sicherung der Verkehrsteilnehmer hat sich nämlich grundsätzlich nach dem zu bemessen, was zur Sicherung, desjenigen Verkehrs erforderlich ist, dem die Wegefläche gewidmet ist» Das. Maß der danach an den Verkehrs siche rungs pflichtigen zu stellenden Anforderungen richtet sich im einzelnen nach den Uegebenheiten des Falles, wobei vor.allem auch die Art und Wichtigkeit des Verkehrsweges, die Stärke des Verkehrs zu berücksichtigen sind« Der gesteigerte Kraftfahrzeugverkehr erhöht gerade auf den Durobgangsstreßen und ziemlich verkehrsreichen Hauptverkehrsstraßen einer größeren < Mittelstadt, wie sie die Oldenburger Straße im Oebiet.dey Wenn das Berufungsgericht ausführt, die.Beteilig ten ^hielten es heute für selbstverständlich, daß bei Winterglätte an einer Stelle wie der Unfallstelle die Fahr- ein» Sie sind, zwar nicht besonders stark befahren» In einer Stadt von der Größe der Beklagten kann sich aber daraus, worauf das Berufungsgericht zutreffend abhebt, sehr wohl die. Lage, ergeben, daß ein den Fahrdamm der ziemlich verkehrsreichen Oldenburger Straße benutzender Fahrzeuglenker auch bei einer den Verhältnissen angepaßten -Föhrweise unvorhergesehen behindert und zu plötzlichen Anhalte- oder Ausweichbewegungen gezwungen wird» Mit Rücksicht hierauf hatte die Beklagte,; die andere Vorkehrungen nicht ergriffen hatte, die Fahrbahn *an Jener Stelle' bei der damals aufgetretenen Winterglätte mit äbstunrpfenden Stoffen bestreuen lassen müssen«, Baß ihr dies wirtschaftlich zu demutbar war, erhellt daraus, daß sie nach ihrem eigenen Vortrag die Bestreuung der Fahrbahn in der Oldenburger Straße und anderen"Straßen im allgemeinen hat durchführen lassen» Am Unfalltag war allerdings nach den Feststellungen des Berufungsgerichts die Bestreuung der hier in Rede stehenden Fahrbahnstelle unterblieben» Bie vorstehend entwickelte Streupflicht der Beklagten kann auch nicht im Hinblick darauf verneint werden,, daß nunmehr nach § 3 Abs 3 des Bundesfernstraßengesetzes vom 6» August 1953 die Träger der Straßenbaulast nur 11 nach besten Kräften” eine Bundesfernstraße bei Schnee- zur Sicherung des Verkehrs und der von der StraßenJjaulest umfaßten (§ 3 Abs 1 aaO) Pflicht zur Unterhaltung "des Verkehrsweges gewisse .Zusammenhänge bestehen>' so ist doch möglich, daß die erstere Pflicht Maßnahmen erfordert, die zu der Unterhaltung des Weges nicht notwendig sind (vgl auch BCrHZ 9s 373 Z-^57) • Wenn also der Träger der Straßen-" bauiast eine Bundesfernstraße in ihrem ganzen Verlauf, also auch außerhalb einer geschlossenen Ortschaft, nach § 3 Abs 3 des genannten Gesetzes nicht streuen muß, sondern nur nach besten Kräften streuen soll, so schließt dies nicht aus, daß die mit der Straßenbaulast belastete offent-liehe Körperschaft unter dem Gesichtspunkt einer ihr obliegenden Verkehrssicherungspflicht gehalten, ist, wenigstens stellenweise die Fahrbahn der Straße gegen Winter-glätte abzustumpfen» Der Beklagten kann auch nicht zugutegehalten werden, wenn sie im vorliegenden Fall über den Bestand und den Umfang ihrer Streupflicht geirrt haben soll. Sie selbst hält, wie ihr Vortrag zeigt, die Bestreuung der Unfallstelle für angezeigt ^Erkannte sie ihr Tun nicht alseine sie bindende Verpflichtung, so handelte, es sich um eine -Fehlbeurteilung, die nach den Grundsätzen über die im Verkehr erforderliche Sorgfalt (§ 276 BGB) nicht entschuldbar ist» Der von der Revision herangezogene Umstand, daß die einschlägigen Kommentare auch in den neuesten Auflagen < die Streupflicht hinsichtlich Fahrwegen .grundsätzlich ablehnen, kann die Beklagte insoweit nicht entlasten» Mit der Anschlußrevision bekämpft der Kläger die Annahme des Berufungsgerichts, daß ihn an dem Unfall ein zur Minderung seiner Schadensersatzansprüche führendes Mitver-schulden treffe» Das Verschulden begründet dasängefochte-ne.Urteil damit: Der Kläger habe angesichts der am Vormittag des Unfalltages wie in der vorängegangenen Nacht mehrere Grade unter dem Gefrierpunkt liegenden Temperatur und des Pehlens irgendwelcher Streuspuren mit einer an der Unfallstelle vorhandenen Glätte rechnen müssen? Wenn .er di.e^Bremsen betätigte, als kürz vor seinem Wagen, ein Radfahrer aus einer Seitenstraße heraus*- \ kam und in den Fahrweg des Kraftwagens fiel, so war^die^Mn ^1 eine instinktive Handlungsweise, wie sie ein umsichiigW&< ;= ' sene Versuchden Wagen auf die vom Berufungsgericht angegebene Weise wieder in die Gewalt zu bekommen, kann dem Kläger nicht als eine Außerachtlassung der erforderlichen Sorgfalt zugereGhnet werden. Dieselbe Ansicht hat das Reichsgericht in VAE 1939 -64 gerade nach der Richtung vertreten, daß die Betriebs-gefahr eines Kraftwagens auch gegenüber dem Anspruch gegen .eine Gemeinde auf Schadensersatz wegen Verletzü^.^4i Es ist daher unter Heranziehung- des § 254 BGB gegeneinander abzuwägen, inwieweit die von der Beklagten nach § 276 BGB zu vertretende gefährliche Beschaffenheit des glatten Fahrdamms und die dadurch für einen Kraftwagen erhöhte Gefahrenlage einerseits und eine von dem Personenkraftwagen des Klägers ausgehende Betriebsgefahr andererseits bei dem Unfall und dem Schaden des Klägers mitgewirkt haben, Biese Frage, die in erster-Einie eine solche der tatsächlichen Beurteilung ist, kann-von hier aus nicht abschliessend entschieden werden, sondern ist der. Hierbei wird der Tatrichter zu prüfen haben, ob etwa im Hinblick auf eine unvorsichtige Fahrweise des Radfahrers und ein möglicherweise in einer zu geringen Entfernung hinter der Einmündung der Brauenkamper Straße in die Oldenburger Straße erfolgtes Aufstellen’des bei dem Unfall beteiligten Lastkraftwagens die von dem Fahrzeug des Klägers ausgehende Betriebsgefahr, wenn sie nicht gemäß § 7 Abs 2 des zur Zeit des Unfalles in Geltung befind-liehen Kräftfahrzeuggesetzes entfällt* so doch in'ihrer^4 Ursächlichkeit für den Unfall ganz in den Hintergrund!' 1 tritt«, Baß eine den Kläger treffende Mithaftung nicht 1 zu einem- größeren Verlust als der Hälfte seiner Ansprüche/ führen könnte, läßt sich dagegen schon jetzt abschliessend beurteilen«, vom Berufungsgericht zu dem'Nachteil des Klägers entschieden worden ist, an den-fatrichter zur neuerlichen Verhandlung und Entscheidung zurückverwiesen werden (§§ 564, 565 ZPO)« Biesem wird auch die Entscheidung über die Kosten der Revision Überlasseno ...