BGH · III ZR 172/50
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Es wird festgestellt, dass die Beklagte verpflichtet ist, an den Kläger denjenigen Betrag abzüglich 201,50 BM zu zahlen, der zur Y/iederbeschaffung ei- nes 3 Tonnen Opel-Blitz-Lastkraftwagens in dem Abnutzungszustnnde erforderlich sein wird, in dem sich der Lastkraftwagen des Klägers Hr II IP zur Zeit der im Februar 1947 vorgenomme-nen ürfassung befand, undihm ausserdem den Schaden zu ersetzen, der ihm dadurch entstanden ist, dass er einen solchen 7/agen seit dem 210 Juni 1948 rieht zur Ausübung seines Fährbetriebs hat verwenden können«. Dem Kläger, der früher Parteigenosse der NSDAP gewesen war, gehörte der Lastkraftwagen Opel-Blitz H 9 SP, mit dem er ein Fuhrgeschüft betrieb® Durcli Entnazifizierungsbescheid des Fachausschusses' 19 für die Ausschaltung von Nationalsozialisten vom 15® ITovember 1946 wurde der ICläger aus seinem Betrieb entfernt. Ein Treuhänder für den Betrieb wurde nicht bestellts vielmehr wurde der Lastkraftwagen des Klägers durch Leistungsanforderung vom 11® Februar 1947 von der Beklagten zur Verfügung in Anspruch genommen und dem Fuhrunternehmer Eduard RflHP zu Eigentum übertra-gen® Die Beklagte erliess ausserdem unter dem 20® Februar 1947 eine Beschlagnahmeverfügung hinsichtlich des Lastkraftwagens® Der Wagen wurde sodann am 27® Februar 1947 dem ICläger fortgenommen und dem Fuhrunternehmer übergeben® Entsprechend der amtli- 'Cs^Ig^muss daher die Behörde für den gesamten Schaden, der bereits entstanden ist und noch entstehen wird, wenn Herr BflP nicht umgehend ein gleichwertiges Fahrzeug zurückerhält, verantwortlich machen.” gestellt hatte, in der Revisionsinstanz beantragt hat, festzustellen, dass die Beklagte verpflichtet sei, an ihn den für die Viederbesckaf-fung eines gebrauchten Opel-Blitz-Lastkraftwagens erforderlichen Betrag zu.zahlen, liegt keine in derJSovisionsinstrnz unzulässige Klageänderung.(vgl ÖCHZ 2, 226 2^l7> Stein-Jonas-Schönke ZFO 17• Aufl § 561 Anm II 1). der naturgemäss erheblich geringer ist als der für einen neuen V/agen aufzuwendende Kaufpreiso Da es sich mithin um eine Beschränkung des Klageantrages handelt, kann diese gemäss § 268 Nr 2 ZPO nicht als eine Änderung der Klage angesehen werden0 Ebensowenig ist darin eine Klageänderung zu erblicken, dass der Kläger von der Leistungs- zur Peststellungsklage übergegangen isto Da der Klagegrund unverändert geblieben ist* fällt auch der Übergang von der Leistungs- zur Peststeilungsklage unter § 268 Ziff 2 ZPO (Stein-Jonas-Schönke § 268 Anm V 2 mit Nachweisen)0 2) Gegen die Zulässigkeit der Peststellungsklage öe~ stehen keine Bedenken, Der Kläger verlangt die Feststellung, dass ihm Ansprüche gegen die Beklagte zustehen« Ein Anspruch ist aber stets ein der Feststellung fähiges Rechtsverhältnis, mag er selbständig.oder als Ausfluss eines umfassenderen Rechtsverhältnisses entstehen (Stein-Jonas-Schönke §'256 Anm II 1 a)o Der Kläger hat auch ein rechtliches Interesse an der alsbaldigen Feststellung« Zwar könnte der Kläger mindestens den mit dem ersten Feststellungsantrage erhobenen Schadensersatzanspruch beziffern, also insoweit auf Leistung klagen. Die von der Revision erhobene Verfahrensrüge, das Berufungsgericht habe zu dem gegen die Beklagte erhobenen Vorwurf, dass sie den V/agen unzulässigerweise zur Verfügung anstatt nur zur Benutzung in Anspruch genommen habe,, im angefochtenen Urteil nicht ausdrücklich Stellung genommen, ist unbegründet* Das angefoch-tene Urteil setzt sich in den Entscheidungsgründen (S 4 Ziff l) vielmehr ausdrücklich mit diesem Vorbringen des Klägers auseinander* leistungsgesetzes*1 Gemäß § 15 RLG konnte sie von dem Kläger die Überlassung seines Lastkraftwagens zur Benutzung J>der zur Verfügung .verlangen,'und zwar konnte sie gemäss § 2 a RLG diese Leistung auch für einen Dritten in Anspruch nehmen, der mit dem YTirksanwerden der sich als Verwaltungsakt darstellenden Inanspruchnahme zur Verfügung das Eigentum an dem Lastkraftwagen erwarb (OGHZ 2, 214 ff /21§7)* Entgegen der Ansicht der Revision liegt in der Inanspruchnahme des Lastkraftwagens zur Verfügung auch kein Ermessensmissbrauch der Beamten der Beklagten, der sich als eine zu dem Schadensersatz verpflichtende Amtspflichtverletzung darstellen könnte* Inzwischen ist zwar im Schrifttum und in der Rechtsprechung mit beachtlichen Gründen die Auffassung vertreten worden, dass eine Inanspruchnahme zu Eigentum dann gesetzwidrig gewesen sei, wenn der Bedarf durch eine Inanspruchnahme zur Benutzung hätte befriedigt werden können«, Hit Recht ist jedoch das Berufungsgericht davon ausgegangen, dass jedenfalls zu der Zeit, als die Inanspruchnahme des Lastkraftwagens des Klägers erfolgte, diese Erwägung noch nicht so bekannt war, dass die Nichtbeachtung dieses Grundsatzes dem die Verfügung erlassenden Beamten als Verschulden zugerechnet werden könnte * (OGHBZ vom 2o*Dezember 1949 II b ZS 79/49, auszugsweise abgedruckt in NJW 1950, 225 Z?267)o In jener Zeit wurden vielmehr Inanspruchnahmen von Kraftfahrzeugen noch ganz allgemein zur Verfügung und nicht nur zur Benutzung vorgenommenDas geschah einmal deswegen, weil bei einer Inanspruchnahme zur Benutzung eine pflegliche Behandlung des Wagens durch den Nutzungsberechtigten nicht gewährleistet war, su-dass Streitigkeiten bei der Rückgabe unausbleiblich erschienen, weiter aus dem Crunde, weil bei einer längeren Nutzungsdauer die Nutzungsvergütung für den Berechtigten eine wirtschaftlich zu schwere Belastung bedeutete,und schliesslich, weil zu befürchten stand, dass der Nutzungsberechtigte die Beschaffung von Ersatzteilen und die Durchführung von Reparaturen, die in der Zeit vor der Währungsreform gewöhnlich ohne die /V* Opferung von Sachwerten seitens des Bestellers nicht vorgenommen’ wurden, unterlassen und dadurch die Einsatzbereitschaft des Wagens gefährden würde (vgl das gleichzeitig verkündete,zur Veröffei;tlichung bestimmte Urteil des Senats III ZR 218/50)o Selbst'wenn also die jr vom Berufungsgericht erwähnte Anordnung der Britischen Militärregierung ausser Betracht bleibt, kann bei der hier gegebenen Sachlage ‘ein Verschulden von Beamten oder Angestellten der Beklagten nicht darin erblickt werden, dass sie den Wagen des Klägers nicht nur zur Benutzung sondern zur Verfügung in Anspruch genommen haben (vgl BGHZ 302)o . Ebensowenig kann eine schuldhafte Amtspflichtver-letzung von Beamten oder Angestellten der Beklagten darin erblickt werden, dass das Ergebnis der Berufung im Entnazifizierungsverfahren nicht abgewartet worden ist«, Zur Zeit der Inanspruchnahme hatte die Berufung noch keine aufschiebende Wirkung» Die Beamten der Beklagten konnten davon ausgehen, dass angesichts des Entnazifizierungsbescheids des Fachausschusses 19 der Kläger mindestens auf längere Zeit, wenn nicht für dauernd, ausserstande sein würde, seinen Lastkraftwagen in seinem Betrieb einzusetzen« b) Die Revision macht weiter geltends Da die Beklagte die Möglichkeit gehabt habe, einen Treuhänder für den Betrieb des Klägers einzusetzen oder einsetzen zu lassen, habe sie vor der Inanspruchnahme des Fahrzeugs prüfen müssen, ob nicht mindestens bis c) Eine Amtspflichtverletzung erblickt die Revision auch darin, dass der Wagen des Klägers gerade dem Fuhrunternehmer R4HM) zugewiesen worden ist, denn R^|^ habe vorher niemals einen Kraftwagen besessen und überhaupt keine Verwendung für ihn gehabt; der damalige Leiter der 3ehörde für Wirtschaft und Verkehr der Beklagten habe selbst erklärt, dass R4H9 kein Wagen zugestanden habe« R4MHP sei auch nach seiner Persönlichkeit keiner besonderen Bevorzugung würdig gewesen« Es kann dahingestellt bleiben, ob eine Amtspflicht- • Verletzung der Beklagten gegenüber dem Kläger darin erblickt werden könnte, dass die Beamten der Beklagten, pflichtwidrig die Verhältnisse des, nicht ausreichend, dirauf hin geprüft haben, ob einen Lastkraftwagen benötigte» Jedenfalls war Fuhrunr ternehmer, sodass die Beamten der Beklagten davon aus- • gehen konnten, dass in seinem Betrieb der Lastkraftwagen des Beklagten zweckmässig ausgenutzt werden würde» Ob tatsächlich ein Wagen zugestanden hat oder nicht, ist für die Frage, ob die Beamten der Beklagten schuldhaft gehandelt haben, nicht-von entscheidendem Gewicht» Ebensowenig kommt es auf die Tatsache äh, obh früher Kraftwagen besessen hat» Auch wenn ‘ er Dlüher keinen Wagen gehabt hat, so schliesst das nicht aus, dass nunmehr der Kraftwagen des Klägers in seinem Betrieb wirtschaftlich nutzbringend verwendet werden konnte» Ob Kriegsbeschädigter des ersten oder sv/eiten Weltkrieges gev/esen ist, ist für die Frage der Fflichtv/idrigkeit des Handelns der Beamten der Beklagten ohne jede Bedeutung» Bas Vorbringen des Klägers ist daher nicht geeignet, eine schuldhafte AmtspflichtVerletzung der Beamten der Beklagten darzutun, die darin liegen soll, dass sie den Lastwagen des* Klägers . 4) Mit Recht wendet sich dagegen die Revision gegen die Annahme des Berufungsgerichts, dass der Kläger seine Än-‘ spräche auch nicht auf die in dem Schreiben vom 6« Uärz 1947 gegebene Zusage stützen könne» Bas Berufungsgericht hat diese Erklärung dahin gewertet, dass sie lediglich die Verpflichtung begründet habe, dem Kläger einen gebrauchten Lastkraftwagen ungefähr gleicher Konstruktion aus den zur Disposition der Beklagten stehenden Fahrzeugen zur Verfügung zu stellen« Ba aber die-Beklagte Ende April 1948, wie sie überzeugend vorgetragen habe, derartige Ersatzfahrzeuge nicht mehr besessen habe, habe sie dem Kläger nach Auszahlung des Taxpreises nur einen Bezugsschein für einen fabrikneuen Wagen aushändigen können» Eine Verletzung der der Beklagten obliegenden Amtspflichten sei somit nicht erfolgt« erblicken, sondern es handelt sich um eine öffentlich-rechtliche Verpflichtungserklärung, die in Ausübung hoheitlicher Befugnisse- von einem zur Vertretung der Beklagten befugten Beamten abgegeben isto Dass die Erklärung sich nach ihrem äusseren Bild.als von dem Leiter des Pachausschusses 19 stammend darstellte, ist ohne Bedeutung, denn der' yorsitzende des Pachausschusses 19 war damals gleichzeitig Leiter der Behörde für Wirtschaft und Verkehr der Beklagten, und als solcher konnte er namens der Beklagten eine öffentlich-rechtliche Verpflichtung der Art, wie sie in dem Schreiben enthalten war, wirksam eingehen* Der Anlass zu der Erklärung war die Inanspruchnahme des Lastkraftwagens des Klägers, die die Beklagte als Bedarfsstelle auf Grund des Eeichsleistungsgesetzes vorgenommen hatte* Auch nach ihrem Inhalt bezog sich die Erklärung auf die Rechtsfolgen der Inanspruchnahme des Lastkraftwagens , des Klägers* Sie ist deshalb nach dem Peichsleistungs-gesetz zu beurteilen (vgl SGHZ 4, .266)* Als Verwaltungsakt unterliegt diese Erklärung der selbständigen Auslegung durch das Eevisionsgericht, ohne dass dieses an die Beurteilung des Berufungsgerichts gebunden ist0 Aus dem Sinn und Wortlaut der Erklärung ist zu entnehmen, dass-die Beklagte sich verpflichtet hat, dem Kläger unter der aufschiebenden Bedingung, dass der Berufung des Klägers im Entnazifizierungsverfahren stattgegeben würde, ein gebrauchtes Fahrzeug von ungefähr gleicher Konstruktion und in etwa gleichem Abnutzungszustand, wie der in Anspruch genommene Lastkraftwagen des Klägers es war, zu verscliaffen; dass diese Zusage nur aus den zur Disposition der Beklagten stehenden Fahrzeugen er-r füllt zu werden brauchte,, wie das Berufungsgericht angenommen hat, ist aus dem V,'ortlaut und dem Sinn des Schrei- Die Bedingung - Erfolg der Berufung des Klägers im Entnazifizierungsverfahren - ist im Februar 1948 eingetreten; der Kläger hat der Beklagten hiervon durch Schreiben vom 20o April 1948 Mitteilung gemacht und sie um Erfüllung der übernommenen Verpflichtung gebeten« Die 'Beklagte hat jedoch dem Kläger einen Lastkraftwagen nicht zur Verfügung gestellt« In der am 10® Juni 1948 erfolgten Aushändigung des Bezugsscheines auf einen fabrikneuen Lastkraftwagen an den Kläger kann eine Erfüllung der übernommenen Verpflichtung nicht erblickt werden« Die Beklagte hatte sich verpflicitet, entsprechenden Ersatz für den in Anspruch genommenen Lastkraftwagen des Klägers zur Verfügung zu stellen« Der Bezugsschein eröffnete dem Kläger nur die Möglichkeit, einen Lastkraftwagen zu erwerben, er verschaffte dem Kläger aber noch keinen entsprechenden Ersatz für den Verlust des Lastkraftwagens, denn, wie ausgeführt, hatte der Kluger, auf Grund der Erklärung der Beklagten Anspruch auf Verschaffung des Eigentums an einem gebrauchten Lastkraftwagen . und in etwa gleichem Abnutzungszustande, in dem der in Anspruch genommene Lastkraftwagen zur Zeit der Beorderung gewesen war, und nicht nur auf Aushändigung eines Bezugsscheins, Die Beklagte kann sich auch nicht darauf berufen, dass ihr die Erfüllung ihrer Verpflichtung nicht mög,-lich gewesen sei, v;eil sie ein entsprechendes Ersatzfahrzeug nicht besessen habe. Wenn es sich auch, wie dargelegt, nicht um eine privatrechtliche, sondern um eine öffentlich-rechtliche Verpflichtung der Beklagten handelt, so bestehen doch keine Bedenken, auf das öffentlich-rechtliche Verhältnis zwischen den Parteien die einschlägigen Bestimmungen des bürgerlichen Hechts zur entsprechenden Anwendung zu bringen«, La somit die Leistung des Ersatzv/agens der Beklagten infolge eines von ihr zu vertretene^ Umstandes unmöglich gewesen ist, hat sie dem ICläger den durch die Nichterfüllung entstehenden Schaden, zu ersetzen (§ 280 BGB). 3«100 RM, die im Verhältnis 100 s 6,5 auf 201,50 DM umzustellen sind, da dem Kläger nach seiner unwiderlegten Darstellung in dem zulässigerweise im Tatbestand des angefochtenen Urteils in Bezug genommenen Schriftsatz vom 11„ Februar 1949 der Betrag von 3olOO BM auf nur 201*50 DM umgestellt worden isto Ausserdem kann der Kläger auch den Schaden ersetzt verlangen, den er dadurch erlitten hat, dass ihm der Ersatzwagen zu dem Betriebe seines Fuhrgeschäfts nicht zur Verfügung gestanden hat, jedoch erst für die Zeit seit dem 21« Juni 1948„ Angesichts der wirtschaftlichen Verhältnisse vor der Währungsreform war der Beklagten nach Treu und Glauben nicht zuzu demuten, den Ersatzwagen sofort nach Erhalt des Schreibens vom 20o April 1948 dem Kläger auszuhändigen* Es ist ihr eine angemessene Frist für die Lieferung des Ersatzwagens zuzubilligen, diese Frist war aber jedenfalls zur Zeit der Währungsrefoivp. der vom 5o Oktober 1948 datierten Klage erfolgt -ist ebenfalls aus dem Gesichtspunkt des Schadensersatzes wegen Nichterfüllung gerechtfertigte Das Versäumnisurteil des Senats und das ange-fochtene Urteil des Berufungsgerichts waren daher aufzuheben (§§ 343, 564 ZPO) und, da die Sache zur Endentscheidung reif ist (§ 565 Abs 3 Nr 1 ZPO),, war unter Abweisung der Peststellungsklage, soweit sie sich auf entgangenen Gewinn für die Zeit bis einschliesslich 20« Juni 1948 bezieht, den im Re-visionsrechtszuge gestellten Anträgen im übrigen zu entsprechen, wobei die Verurteilung hinsichtlich des zweiten Feststellungsanträgs zur Klarstellung, wie geschehen, gefasst ist*