BGH · III ZR 166/64 vom 22.09.1966
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Hat eine Gemeinde im lande Nordrhein-Westfalen die Streupflicht in formell rechtsgültiger Weise auf-die Straßenanlieger abgewälzt, dann bleibt ihre Ordnungsbehörde ver pflichtet, die durch Ortsntatut erfolgte Abwälzung praktisch wirksam zu machen, insbesondere die betroffenen Anlieger zur Erfüllung der Pflicht anzuhalten„ Eine Pflicht zur polizeilichen Reinigung habe nicht bestanden, weil sich die Ortsdurchfahrt Mennrath nicht innerhalb der geschlossenen 0rt3lage befinde,auch nicht überwiegend dem inneren Verkehr der Ortschaft diene (§1 Abs. 2 des Preußischen Wegereinigungsgesetzes vom 1. Das Berufungsgericht stellt als unstreitig fest, daß die beklagte Stadt einen Streudienst eingerichtet habe, ferner aufgrund seiner an Ort und Stelle durchgoführten Bev/eisaufnahmo, daß die Unfallstelle innerhalb der geschlossenen 0rt3lage von Mennrath liege und daß es sich um eine gefährliche Stelle handele0 Die Revision greift diese Feststellungen nicht an. Der Revision ist allerdings zuzugeben, daß der Wortlaut des Gesetzes eine andere Auslegung erlaubt und daß das Kammergericht die Ansicht vertreten hat, es sei im Einzolfalle zu prüfen, ob der Weg überwiegend dem inneren Verkehr der Ortschaft diene» Diese Ansicht hat sich indessen nicht durchgesetzt» Vielmehr hat bereits das Preußische Oberverwaltungsgericht in § 1 Anm* m; Ketterer-Priedrich, Streupflicht 2, Aufl* S* 28 Anm* 1)* Ihr hat sich auch die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs angeschlossen (BGH IM Nr. 7 zu § 823 (Eb) BGB = VersR 1956, 158; BGHZ 40, 379, 380; Urt. v. Das Berufungsgericht läßt dahingestellt, ob die Beklagte die Streupflicht an der Unfallstelle rechtswirksam nach § 5 PrWegRG auf die Anlieger abgewälzt habe, wie sie behauptet* Es führt aus: Auch bei wirksamer Abwälzung hafte die Beklagte. In diesem Palle sei ihre Ordnungsbehörde verpflichtet gewesen, darauf zu achten, daß bei Schnee-und Eisglätte von den Anliegern gestreut und der Straßenverkehr nicht gefährdet oder behindert werde* Auch bei Übertragung habe sie für die Durchführung der gesetzlichen Streupflicht zu sorgen* Sie müsse einschreiten, wenn die Anlieger der Streupflicht nicht nachkämen* Diese Überwachungspflicht gehe zwar nicht soweit, daß die Ordnungsbehörde in jedem Pall, in dem Straßenglätte eintritt, fest-stellen müsse, ob die Anlieger ihren Verpflichtungen zu dem Streuen nachkämen* Sie sei aber gehalten, zu demindest gelegentlich die gefährlichen Straßenstellen innerhalb der geschlossenen Ortslage bei auftretendem Glatteis durch ihre Bediensteten überprüfen zu lassen und die Anlieger gegebenenfalls zur Erfüllung ihrer Pflichten anzuhalten* Hier- zu habe im vorliegenden Palle auch deswegen besondere Veranlassung bestanden3 weil die Anlieger im Zweifel hätten sein können., ob die Unfallstclle noch innerhalb der geschlossenen Ortslage liege und eine Streupflicht überhaupt bestehe, Das hätten die Bediensteten jedoch unterlassen. Diese Haftung erstreckt sich auch auf Schäden, die dadurch eingetroten sind, daß die Beklagte es unterlassen hat, die Anlieger zur Erfüllung der Streupflicht - deren wirksame Abwälzung auch hinsichtlich der Pahrbahn unterstellt - anzuhalten. Die Verpflichtung, die durch OrtsStatut erfolgte Abwälzung der Streupflicht praktisch wirksam zu machen, insbesondere die betroffenen Anlieger zur Erfüllung dieser Pflicht anzuhalten, ergibt sich bereits aus der den gemeindlichen Ordnungsbehörden nach §§ i, 3 OBG obliegenden allgemeinen Aufgabe der Gefahren-abwehr« Es bedarf deshalb keiner Prüfung, ob sich dieselbe Rechtsfolge auch aus anderen Gründen ergibt, etwa aus dom für die Übertragung der privat-rechtlichen Streupflicht entwickelten Rechtsgedanken, daß der Übertragende jedenfalls in gewissem Umfang dafür zu sorgen hat, daß der Übernehmende der Pflicht ordnungsgemäß nachkommt (BGB RGRK 11 o Auflo § 823 Anm« 61 a.E0) oder daraus, daß nach § 5 AbSo 3 PrV/egRG die Gemeinde die Streupflicht selbst zu erfüllen hat, wenn ein Anlieger, dem sie übertragen ist, dazu nicht im Stande ist (Amtliche Begründung So 17 f9 abgedruckt bei Hecht-Hellich aaO S« 59)» Die Verpflichtung durchzusetzen, daß die Betroffenen der ihnen übertragenen Streupflicht nachkommen, ist nicht etwa auf die Polizeibehörden des Iandes übergegangen« Diesen obliegt unter anderem die Überwachung des Straßenverkehrs (§§ 12, 13 des Polizei'organisationsgesetzes NW vom 11 « August 1953 - GS 140)o Dazu gehört zwar auch die Beobachtung des Zustandes der Straßen» Die Auswertung dieser Beobachtungen bleibt jedoch grundsätzlich den Behörden überlassen, die für die Abhilfe beobachteter Miß3tände zuständig sind; diesen haben die Polizeibehörden entsprechende Mitteilungen zu machen (Ilanthey-Heinrichs, Die Polizei in Nordrhein-Yfestfa-len Bdo I S0 40)o Die Durchsetzung der abgewälzten Streupflicht gehört nicht zu den den Polizeibehörden des Landes gesetzlich übertragenen Aufgaben und es verbleibt deshalb insoweit bei der Zuständigkeit der Ordnungsbehörden, mag im Einzelfall auch bei dringender Gefahr ein unmittelbares Eingreifen der Polizei nach § 15 des Polizeiorganisationsgesetzes erforderlich werden« Die Verpflichtung, oie Erfüllung der Streupflicht - immer die Wirksamkeit der Ab\S?.zung auch hinsichtlich der Fahrbahnen vor-ausgesetzt - durchzusetzen, war demnach eine Amtspflicht der Ordnungsbehörde der Beklagten» Diese Amtspflicht be- stand auch gegenüber den gefährdeten Straßenbenützern Das Berufungsgericht geht daher mit Recht davon aus-, daß die Beklagte sich auch durch eine wirksame Abv/älzung der Streupflicht nicht von der Haftung für die Polgen solcher Unfälle befreit hat, die dadurch entstanden sind-, daß ihre Bediensteten es schuldhaft unterlassen haben* die Erfüllung der Streupflicht durch die Anlieger durchzusetzen* Bas alles wird, wie bereits ausgeführt* jedenfalls im Ergebnis auch von der Revision nicht angezweifelt, Biese meint aber; Ba die beklagte Stadt die Streupflicht rechtswirksam auf die Anlieger abgewälzt habe-, seien diese dem Kläger zu dem Ersatz verpflichtet und eine Ersatzpflicht der Beklagten entfalle nach § 839 Abs» 1 So 2 BGB«, Die Annahme des Berufungsgerichts j den Anliegern könne ein Verschulden nicht zur Last gelegt werden* beruhe auf Verfahrensfehlern* Verletzung des § 286 ZPO und des Beibringungsgrundsatzes - § 128 ZPO -9 sowie auf Verletzung des materiellen Rechts o Die Beklagte hat in zwei Rechtszügen aus tatsächlichen und rechtlichen Gründen bestritten* daß an der Unfallstelle eine Streupflicht aufgrund des § 1 PrWegRG bestehe. auch hinsichtlich der Fahrbahn wirksam abgewälzt war -auch aus sonstigen Gründen nicht zu beanstanden« Denn es ist nicht ersichtlich«, inwiefern die Anlieger ohne besondere Umstände auf den Gedanken hätten kommen müssen«, sio seien verpflichtet, die Fahrbahn zu streuen« Die Revision übersieht, daß die Grundsätze für die Streupflicht auf Fahrbahnen in der Hauptsache erst durch die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofi^^itv/ickolt worden sind (BGH NJW 1952, 1087; BGHZ 40, 379«/m„WoN«; vgl« Kette-rer-Friedrich aaO S« 69/70) und es ist umstritten, wieweit die Abwälzung der Streupflicht auf die Anlieger hinsichtlich der Fahrbahnen überhaupt möglich ist« Unstreitig sind die städtischen Bestimmungen, durch die die Streu Pflicht mit Ausnahme der in einem Verzeichnis aufgenommenen Straßen allgemein den Straßenanliegern übertragen wurde, nur durch Veröffentlichung im städtischen Amtsblatt bekannt gemacht worden« Die Beklagte trägt nicht vor, daß sie dio Anlieger, insbesondere die Anlieger der hier in Frage kommenden Straße, auf ihre Streupflicht aufmerksam gemacht und sie zu deren Erfüllung angehalten habe« Sie hat violmehr vorgotragen, sie könne nicht sagen, wer an der Unfallstolle gestreut habe« Unter diesen Umständen mußte es zu demindest als außerordentlich zweifelhaft erscheinen, ob Ersatzansprüche des Klägers gegen die Anlieger zu dem Erfolg führen würden«. Dem Kläger war es nicht zuzunuten, Rechtsstreite wegen dieser Ansprüche zu führen« Mit Recht hat es daher das Berufungsgericht abgelehnt, in diesen Ansprüchen die Möglichkeit eines anderweiten Ersatzes zu sehen«