BGH · III ZR 166/63
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Die Berufung des Klägers gegen dieses Urteil wurde von der Strafkammer des Landgerichts in Verden/Aller mit der Maßgabe verworfen, daß dio Freiheitsstrafe auf Gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Celle legte der Kläger durch einen Rechtsanwalt im Mai 1961 Verfassungsbeschwerde ein mit der Begründung* daß die gegen ihn ergangenen Strafurteile seine Grundrechte aus Art« 1 und Art« 4 Ab3« 3 GrundG verletzten« Mit einer dem Vertreter des Klägers am 13« März 1962 zugestellten Verfügung vom 8« März 1962 wies der Berichterstatter des 1« Senats des Bundesverfassungsgerichts darauf hin, daß die Verfassungsbeschwerde voraussichtlich nach § 91 a BVerfGG verworfen werden würde« In den Gründen dieser Verfügung wurde die Frage der Verletzung des Art« 4 Abs« 3 GrundG erörtert, während es an einer ausdrücklichen Stellungnahme zur Verletzung des Art«l Grüne fehlte« Daraufhin beauftragte der Vertreter des Klägers den Rechtsanwalt und Notar Dr« Hfliliin OHB mit der Erstattung eines Rechtsgutachtens und richtete unter dem 2. 1» Selbst wenn man nicht annohmen wollte, das Bundesverfassungsgericht sei bereits verpflichtet gewesen, in seinem Belehrungsschreiben zu allen gerügten Grundrechtsverletzungen Stellung zu nehmen und mit seiner Entscheidung bis zur Vorlage des angekündigten Reehte-gutachtens zu warten, so hätte es doch nach dem am 3» April 1962 erfolgten Eingang des Schreibens vom 2. 2. Zumindest hätte dor Vertreter des Klägers sofort nach der am 5» April 1962 ergangenen Entscheidung daixin verständigt werden müssen, daß die Vorlage des Gutachtens nicht mehr erforderlich oder zwecklos sei» April 1962 von der inzwischen ergangenen Entscheidung benachrichtigt worden* dann hätte er* Kläger* das Gutachten bei Dr® noch abbesteilen können und würde dadurch 200 DM Kosten erspart hoben® Weiter würde er, wenn seine Verfassungsbeschwerde Erfolg gehabt hätte, mindestens die Gerichts-kosten aus den vorangegangenen Strafverfahren gespart und auch noch einen Anspruch auf Erstattung seiner Anwaltskosten gehabt haben® Aus diesem zuletzt genannten Gesichtspunkt verlangt der Kläger mit der vorliegenden Klage lediglich einen auf 10 DM bemessenen Teilbetrag seines Schadens ersetzt® April 1962 unverzüglich mitzuteilen, daß der ''Dreierausschuß" sich bereits am 5» April 1962 mit der Verfassungsbeschwerde befassen würdo, oder diese jedenfalls sofort nach Erlaß der Entscheidung hiervon zu verständigen, ist zunächst allein unter dem Gesichtspunkt zu beantworten, ob eino solche Mitteilung geboten war, um dem Kläger zu ermöglichen, das in Auftrag gegebene Gutachten abzübe-stollen und dadurch Kosten zu ersparen» Wenn das Berufungsgericht insoweit eine schuldhafte Pflichtverletzung verneint hat, so ist das aus rfechtsgrUnden nicht zu beanstanden. vor&eaohonen Behandlung seiner Verfassungsbeschworde durch den ’’Dreiorausschuß” könne dem Kläger Möglichkeit und auch Veranlassung geben, das in Auftrag gegebene Gutachten noch abzubestellen und dadurch Kosten zu ersparen, etwas in der hier interessierenden Sichtung für den Kläger veranlaßt hat» Dies gilt insbesondere angesichts dessen, daß am 3* April 1962, als das vom Vortage datierte Schreiben des Vertreters des Klägers oinging, die Entscheidung des "Dreierausschusses” noch offen und mithin die Möglichkeit nicht ausgeschlossen war, daß das angekündigto Gutachten noch vor der sachlichen Entscheidung über die Verfassungsbeschv/erde vorliegen werde» Wenn das Berufungsgericht hinsichtlich dieses Vorwurfs des Klägers zu dem Ergebnis gelangt ist, die konkrete Lage, wie sie sich dem Bundesverfassungsgericht dargeboten habe, habe - objektiv -’’keine Veranlassung zu einer über die im Prozeßrecht geregelte Zustellung hinausgehenden besonderen und zeitlich früher liegenden Mitteilung von dem Erlaß der genannten Entscheidung1’ geboten, so läßt das: einen Hechtsfehler nicht erkennen. Fehlt es aber an einem Verschulden eines Beamten (oder Richters) des Bundesverfassungsgerichts, dann kann dahinstehen, ob - wie das Berufungsgericht angenommen hat und die Revision in Abrede stellt - den Vertreter des Klägers in dem hier interessierenden Zusammenhang seinerseits ein Verschulden triffto Lediglich mit Rücksicht auf die dazu im Berufungsurteil enthaltenen Ausführungen 3ei zur Klarstellung bemerkt, daß eine derartige schuld-hofto Mitverursachung des Schadens durch den Anwalt des Klägers dazu führen müßte, daß selbst bei Vorliegen einer fahrlässigen Amtspflichtverletzung auf seiten ven Angehörigen des Bundesverfassungsgerichts die Klage schon deshalb abgewiesen werden müßte, weil dem Kläger in diesem Fall ein Schadensersatzanspruch gegen seinon Anwalt zustehen würde und deshalb für ihn die Möglichkeit anderwoxter Ersatzerlangung bestünde (§ 839 AbSo 1 Satz 2 BGB)o 2o) Ebenfalls sind rochtliche Bedenken dagegen nicht begründet, daß das Berufungsgericht der Klage auch insoweit den Erfolg versagt hat, als 3ie auf die angeblich sachlich unrichtige Entscheidung dos Bundesverfassungsgerichts vom 5* April 1962 selbst und darauf gestützt ist, daß das Bundesverfassungsgericht das angokündigte Gutachten nicht abgewartet und bei seiner Sachentscheidung nicht berücksichtigt hat« Zutreffend ist das Berufungsgericht davon ausge-gangen, daß der "Dreierausschuß“ des Bundesverfassungsgerichts, der hier über die Verfassungsbeschwerde des Klägers entschieden hat und neben dem innerhalb des ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts ein weiterer Ausschuß nicht bestellt war, ein "Gericht11 war. Dieser nach § 91 a BVerfGG (in der damals geltenden Passung) gebildete Ausschuß stellte - ebenso wie die jetzt gemäß § 93 a BVerfGG idP vom 3o August 1963 (BGBl I 589) bestellten Ausschüsse - im Kähmen seiner Zuständigkeit das Bundesverfassungsgericht daro Das ergibt sich daraus, daß die Verfassung (Arto 94 Abs» 2 GrundG) die Organisation des Bundesvei'fassungsgerichts, die Bestimmung der Spruchkörper, durch die es entscheidet, und deren Zuständigkeit ebenso wie die sonstige Regelung des Verfahrens vor* dem Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber überlassen hat und dieser daher auch die dem Bundesverfassungsgericht als solchem obliegende - abschließende - Entscheidung Uber Verfassungsbeschwerden unter bestimmten Voraussetzungen in die Hände von besonderen, bei den Senaten dos Bundesverfassungsgerichts zu bildenden Ausschüssen legen konnte. Zur weiteren Begründung kann dazu auf die Ausführungen in den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts in BVerfGE 7, 241» 243 und HJW 1965, 1014 und 1707 verwiesen werden, denen der erkennende Senat beipflichteto Ebenso kann nicht in Zweifel gezogen werden, daß es sich bei den hier interessierenden Entscheidungen der l,Drei0röusochüsse,, um "Urteile in einer Rechtssache" im Sinno des § 839 Abs. 2 BGB handelt. Der erkennende Senat hat in ständiger Rechtsprechung die Auffassung vertroton, daß der Begriff des "Urteils" im Sinne der zuvor genannten Bestimmung nicht mehr im rein prozeßrechtlichen Sinne vorstanden werden darf, sondern daß unter diesen Begriff auch alle sonstigen richterlichen Entschoidüngen fallen, die ihrem V/esen nach Urteile und diesen in allen wesentlichen Voraussetzungen gleichzusetzen, also “urteilsvertretende Erkenntnisse“ sindo Unter den hiernach entscheidenden Gesichtspunkten stellt auch der Beschluß über die Verwerfung der Verfassungs-beschwerde ein “Urteil in einer Rechtssache” dar* Bonn dieser Beschluß wurde unter Anwendung sachlich-rechtlicher Normen von dem insoweit im Rahmen seiner ihm vom Gesetz zugev/iesenen Zuständigkeit als Bundesverfassungsgericht entscheidenden Ausschuß gefaßt und beendete unter den für ein Urteil wesentlichen Voraussetzungen das durch die Erhebung der Vei'fassungsbeschwerde begründete “Prozeßverhältnis“ endgültig« Vorwurfs, das Gericht habe eine Prüfung der Verfa:sungobe-schwerde unter dem Gesichtspunkt der Verletzung des Artol Gr völlig unterlassen, sondern gilt auch für den Vorwurf des Klägers, der Ausschuß habe pflichtwidrig den Eingang des ang kündigten Gutachtens nicht abgewartet und seinen Inhalt bei seiner Entscheidung nicht berücksichtigto Die in § 839 Abs* Satz 1 BGB norraiorto Haftungsbeschränkung gilt nicht nur für Pflichtverletzungen, die in dem '‘Urteil11 selbst liegen«. Denn sie betrifft alle Pflichtverletzungen “bei” dem Urteil (nich nur solche “durch" ein Urteil) und gilt infolgedessen für di gesamte Tätigkeit, die darauf abzielt, eine Rechtssache durc ein "Urteil" zu entscheiden (vglo die Entscheidung des Senat vom 19o November 1956 III ZR 119/55 = UI Uro 5 zu § 839 /~G_ BGB) o In den Rahmen dieser Tätigkeit aber fiel auch die Ent* Schließung darüber, ob der Eingang des angekündigten Gutachtens abgewartet werden solle oder nicht«