BGH · III ZR 151/65
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Stattdessen schenkte Ernst ZflHIH durch notariellen Vertrag vom 27o August 1952 unter Bezugnahme auf einen Erbschein, der ihn als Erben seiner Ehefrau auowioo, seiner Tochter Lina die ideelle Hälfte des Grundbesitzeso Am gleichen Tage setzte er in einem notariellen Testament seine Tochter Lina und seinen Sohn Paul zu seinen Erben je zur "Heiner Tochter Lina habe ich bereits zu Lebzeiten die ideelle Hälfte des im Grundbuch von V/ÜBIHi Blatt 175 verzeichnctcn Grundbesitzes übertragene Dies ist als Belohnung dafür geschehen, daß diese ohne jeden Lohnempfang mir von ihrer frühesten Jugend ‘Oien-öto im Haushalt geleistet hat, daß sie ihre Mutter versorgte, die gesamte Wirtschaftsführung hatte und daß sic es demzufolge unterlassen mußte, anderweitig Gold zu verdienen, während alle meine anderen Kinder in der Lage waren, für sich selbst zu sorgen» Lina ZflHH wurde auf Grund der Schenkung ihres Vaters am 22» Juni 1953 als Eigentümerin der ideellen Hälfte des Grundbesitzes im Grundbuch eingetragene Sie setzte ihrerseits in einem notariellen Testament vom 10» November 1955 ihren Vater zu dem Vorerben und die Beklagte zur Nacherbin ein» Sie starb am 19 o April 1956» Daraufhin hob Ernst in einem neuen notariellen Testament vom 19« Juli 1956 sein Testament vom 27» August 1952 auf, ■bestimmte die Beklagte zu seiner Alleinerbin und setzte den Klägern Vermächtnisse von je 3 000 DM auoc Nach seinem Tode wurde die Beklagte als alleinige Eigentümerin des gesamten Grundbesitzes eingetragen, und zwar zur Hälfte auf Grund eines ihr erteilten Erbscheins als Erbin ihres Großvaters Ernst Zfl|HIHund zur anderen Hälfte als Erbin ihrer Tante Lina Durch no- Die Kläger haben unter Berücksichtigung von Yorwendungsansprüchen der Beklagten beantragt, die Beklagte zu verurteilen, Io Zug um Zug gegen Rückzahlung von 5 800,71 D2ä die Umschreibung des Eigentums an dem im Grundbuch von Blatt 173 vor zeichneten Grundbe- Sie ist den Anspruch auf Eigentumsumschreibung der (ersten,* ideellen Hälfte mit Rücksicht auf die von ihr anerkannte Unwirksamkeit des großväterlichen Testamentes nicht entgegengetreten, hat aber wegen näher bezeichnoter Verwendungen insoweit ein Zurückbehaltungsrecht geltend gemachto Im übrigen hat die Beklagte erwidert, der Übergabevertrag vom 20» Januar 1952 sei deshalb nicht vollzogen worden, weil die Kläger dera Erblasser nachträglich Vorwürfe wegen der von ihm ge- troffenon Regelung gemacht hätten• Mit der Schenkung an seine Tochter Lina, die infolge einer Zuk-kerkrankheit hilfsbedürftig gewesen sei und wegen ihrer Mithilfe im Haushalt keinen Beruf habe ergreifen können, habe der Erblasser ihre Zukunft sicherstellen wollen0 Eine Benachteiligung der Kläger habe ihm ferngelegeno Gegenüber dem Anspruch der Kläger aus § 2287 BGB hat die Beklagte außerdem die Einrede der Verjährung erhoben» Bas Landgericht hat unter Abweisung der Klage im übrigen die Beklagte verurteilt, Io Zug um Zug gegen Zahlung von 5 800,71 Kl die Um Schreibung des Eigentums an der ideellen Hälfte de im Grundbuch von V/HHHHI Blatt 173 vor zeichneten Grundbesitzes auf die au3 den Klägern und Paul zflHi bestehende, ungeteilte Erbengemeinschaft zu bewilligen, 1 o Das Oberlandesgericht hat den von den Klägern geltend gemachten Anspruch auf Auflassung der zweiten ideellen Grundotückshälfte, die der Beklagten als Erbin von Lina ZfH^| angefallen ist, mit im wesentlichen folgender Begründung abgev/iesons Die Schenkung dieser Grundotückshälfte durch den Erblasser - den Vater der Kläger - an seine Tochter Lina sei aus keinen der von den Klägern hervorgehobenen und in Präge kommenden rechtlichen Gesichtspunkte nichtigo Der von den Klägern behauptete Vertragsbruch , den der Erblasser mit der Schenkung gegenüber seinen Verpflichtungen aus dem Übergabe-Vertrag vom 28o Januar 1952 begangen haben solle und möge, sowie die behauptete Unterstützung des Vertragsbruchs durch die beschenkte Tochter Lina ZfljBIBV seien zwar - wenn sie gegeben seien -ein Verstoß gegen Treu und Glauben0 Damit sei jedoch nicht zugleich notwendigerweise eine Sittenwidrigkeit im Sinne der §§ 138, 826 DGB zu bejahen» Vielmehr müßten in dieser Hinsicht noch besondere Umstände hinzukommen, die das Verhalten dos “untreuen" Vertragspartners und des beteiligten Dritten als sittlich besonders verwerflich erscheinen ließen» In tatrichterlicher 3eweisWürdigung stellt das Berufungsgericht - übrigens in Übereinstimmung mit dem erstinstanzlichen Tatrichter -jedoch fest, daß solche besonderen, sittlich anstößigen Umstände hier nicht Vorgelegen hätten; vielmehr habe sich der Erblasser - vor allem veranlaßt durch das eigene Verhalten der Kläger, besonders der zu l) und 2) - aus ehrbaren oder doch zu demindest verständlichen Motiven von dem Übergabe-Vertrag losgosagt» Solche Motive schlössen aber eine sittliche Vorwerfbarkeit für den Vertragsbruch aus» Darüber hinaus kommt das Oberlandes-goricht zu der Feststellung, daß der Übergabevertrag vom 28» Januar 1952 von allen Beteiligten übereinstimmend tatsächlich als erledigt betrachtet worden sei; auf alle Fälle hätten bei dem tatrichterlich im einzelnen festgestollten Sachverhalt so- Aus den gleichen Gründen entfalle auch eine im Sinne des § 826 BGB sittenwidrige Schädigung der Kläger durch die beschenkte Tochter Lina in der behaupteten Form der Beteiligung an dem Vertragsbruch ihres Vaters, selbst wenn sie ihren Vater zu der sie begünstigenden Verfügung bestimmt hätte* Das Oberlandesgericht legt weiter dars Auch aus dem Gedanken der '’Aushöhlung" eines gemeinschaftlichen wechselbczüglichen Testaments entsprechend § 2271 Abs* 2 BGB ergebe sich hier nicht eine Nichtigkeit der Schenkung* Dies schon deshalb nicht, weil der Erblasser das mit der Schenkung an seine Tochter Lina verbundene Vermögensopfer selbst und vollständig zu seinen Lebzeiten erbracht habe* Schließlich könne der ochuldrechtliche Auflassungsanspruch der Kläger auch nicht aus § 2287 BGB hergcleitet werden* Denn die Kläger hätten - wie in tatriohterlicher Würdigung des Falles ausgeführt wird - den ihnen obliegenden Beweis dafür nicht geführt, daß der Wille des Erblassers, die übrigen Kinder als Schlußerben nach dem gemeinschaftlichen Testament zu benachteiligen, das leitende oder stärkere Motiv für die Schenkung der ideellen Grundstückshälfte an die Tochter Lina ge- Die Revision rügt zwar insbesondere das Übergehen von Beweisantritton gegenüber den Feststellungen des Tatrichters, der Erblasser und seine Kinder hätten, vor allem auf Grund des eigenen späteren Verhaltens der Kläger zu l) und 2), jedenfalls subjektiv davon überzeugt sein können, an den Übergabevertrag vom 28» Januar 1952 nicht mehr gebunden zu sein, sowie das Hichtausschöpfen des Sachvortrags der Kläger, Lina Z^IHBhabc in besonders "massiver Weise" den Erblasser unter Druck gesetzt, ihr das HausgrundstUck zu geben, damit die übrigen Geschwister (insbesondere die Kläger) nichts bekämen» Die Revision meint, unter diesen Umständen seien sowohl der Vertragsbruch des Erblassers als auch besonders das Verleiten des Erblassers hierzu durch seine Tochter Lina in der behaupteten Form sittlich vorwerfbare Umstände, wie sie §§ 136 und 826 BGB im Auge hätten, und das Berufungsgericht habe insoweit die Voraussetzungen dieser Bestimmungen verkannt* 308, 317/318 unter Berufung auf die Rechtsprechung des Reichsgerichts zutreffend ausgeführt ist, stellt - wovon auch das 0berlandG3gericht ausgeht - ein Vertragsbruch oder die Verleitung hierzu durch einen Britten grundsätzlich zwar einen Verstoß gegen Treu und Glauben dar, jedoch für sich allein noch nicht notwendigerweise zugleich eine Sittenwidrigkeit im Sinne von §§ 826, 138 BGB» Vielmehr müssen zu einem Vertragsbruch oder einer Verleitung dazu noch besondere Umstande hinzutreten, die da3 Verhalten des Vertragspartners oder des Britten bei verständiger Y/ürdigung als sittlich besonders verwerflich erscheinen lassen, Entscheidend ist das Gesamtbild des Einzelfalles, das sich bei Berücksichtigung aller wesentlichen Umstände ergibt. Hier kommt es für die rechtliche Y/ürdigung des Verhaltens des Erblassers bei der Schenkung an seine Tochter Lina jedenfalls nicht entscheidend darauf an, ob - wie das Oberlandesgericht festgestellt hat - alle Beteiligten den Übergabevertrag vom 28, Januar 1952 objektiv als erledigt betrachtet haben oder auch nur subjektiv dieser Überzeugung sein konnten, Benn selbst wenn der Erblasser rechtlich noch an den Vertrag gebunden war und mit dem Bestehen dieser Bindung auch rechnete, bleibt, daß auch ein bewußter Vertragsbruch grundsätzlich noch nicht notwendigerweise zugleich sittenwidrig im Sinne der §§ 326, 138 BGB ist, Bie Umstände des Einzolfalles können eine andere Beurteilung erfordern, Solche Umstände liegen hier vor. Es kommt hinzu, daß der Erblasser nicht seines Vorteils wegen gehandelt hat, sondern - wie der Tat-richtor an anderer Stelle und in anderem Zusammenhang unangefochten fest3tollt, - zu der Schenkung der Grundstückshälfte an seine Tochter Lina aus dem Gedanken und der Sorge um deren wirtschaftliche Zukunft zu demindest erheblich mitbestimmt worden ist und die Bevorzugung der Tochter jedenfalls dem Grundsatz nach sachlich gerechtfertigt war, Das Gesamtbild, das sich nach alledem ergibt, verbietet es, das Abgehen des Erblassers vom Ubergabevertrage, selbst wenn er diesen nicht als überholt angesehen haben sollte, als gegen das Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden verstoßend und damit als unsittlich zu beurteilen» ITach dem unstreitigen oder bedenkenfrei fest-gestellten Sachverhalt hat die Tochter Lina ständig im elterlichen Haushalt - nur gegen Unterkunft und Verpflegung - mitgearbeitet und im Gegensatz zu ihren Brüdern, den Klägern, keinen Beruf erlernt; sie war zuckerkrank und deshalb nie voll erwerbsfähig; ferner war sie unverheiratet und zur Zeit der Schenkung der Grundstückshälfte bereits über 50 Jahre alt, und schließlich bot - wie das 'Berufungsgericht ebenfalls erwähnt - das ihr im Übergabevertrag vom 28» Januar 1952 eingeräumto Nioßbrauchsrecht an Grundbesitz bei der hier möglichen Mißgunst oder Zwietracht der Grundstücksmit-eigentümer jedenfalls praktisch keine völlige oder wenigstens genügende Sicherheit für ihre wirtschaftliche Zukunft» Selbst wenn daher die Tochter Lina v/io die Kläger behaupten und unter Beweis gestellt haben, in starkem Maße, sogar unter Äußerung von Selbstmordabsichten, ihren Vater beeinflußt hätte, zu ihrer wirtschaftlichen Sicherung - die nach den obigen Ausführungen aber jedenfalls überwiegend auch im Sinne des Erblassers lag und seinen Absichten entsprach - die Grundstückshälfte ihr zu Eigentum zu übertragen und: sich damit über den früheren Übergäbevertrag vom 28» Januar 1952 hinwegzusotzen, kann bei Berück-