BGH · III ZR 140/68
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der III, Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 13, April 1970 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Hubert Meyer sov/ie der Bundesrichter Dr0 Arndt, Dr0 Beyer, Dr» Hußla und Keßler für Recht erkannt: ein Hof in NflBBBIS vmrde zu Lebzeiten des Erblassers bis zu dem Jahre 1955 von dem Beklagten bewirtschaftete Im Jahre 1955 begab sich der Beklagte in die Bundesrepublik und verblieb dorto Die Klägerin hat beantragt, den Beklagten zur gäbe folgender Willenserklärungen zu verurteilen: Das zu seinen Gunsten angeordnete Vermächtnis sei gemäß § 2169 BGB unwirksam, weil das dem Erblasser gehörende Landgut z0Zt0 des Erbfalls jedenfalls wirtschaftlich nicht zu dem Nachlaß gehört habe0 Ihm, dem Beklagten, sei es nicht zuzu demuten, nach MHHHHB zurückzukehren und den Hof zu bewirtschaften, nachdem er im Jahre 1955 von dort geflohen sei» Er könne diesen Grundbesitz auch nicht durch Veräußerung verwerten, da er jedenfalls den Verkaufserlös nicht erhalten werde» Es sei auch ungewiß, ob der Grundbesitz nicht bereits enteignet sei» Bei dem zu seinen Gunsten angeordneten Vorausvermächtnis handele es sich um eine mit dem zu Gunsten der Klägerin angeordneten Vorausvermächtnis korrespondierende Verfügung des Erblassers0 Dies habe zur Folge, daß auch das zu Gunsten der Klägerin angeordnete Vorausvermächtnis unwirksam seic Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Mit ihrer Berufung hat die Klägerin weiter vorgetragen: Der Erblasser habe bis kurz vor seinem Tode wiederholt geäußert, der Grundbesitz in den sie seit langem in Besitz und den sie ausgebaut habe, solle unbedingt an sie, die Klägerin, fallen, der Beklagte solle hiervon nichts erhalten; er - der Erblasser - werde das Testament jedenfalls nicht ändern» Die Klägerin vertritt die Auffassung, daß sich aus diesen Äußerungen des Erblassers hinreichend deutlich erkennen lasse, daß er eine Wechselbezüglichkeit der von ihm angeordneten Vorausvermächtnisse nicht gewollt habe» 2083 BGB den Klaganspruch gegenüber dem Beklagten nicht durchsetzen» Allein aus der Tatsache, daß der Erblasser innerhalb der 11 Jahre, während deren der Beklagte:'- zu Lebzeiten des Erwerbers in der Bundesrepublik lebte,seine letztwillige Verfügung nicht geändert habe, lasse sich nicht schließen, daß der Erblasser das Grundstück in KflH der Klägerin habe zuwenden wollen ohne Rücksicht darauf, ob der Beklagt« den Grundbesitz in erhalten oder behalten kön- Das Berufungsgericht nimmt weiter an, die Gültigkeit des der Klägerin ausgesetzten Vorausvermächtnisses werde nicht dadurch berührt, daß das dem Beklagten zugewandte Vermächtnis unwirksam geworden sei„ Der Beklagte habe den ihm obliegenden Beweis nicht erbracht, daß der Erblasser diese Verfügung ohne die unwirksame Verfügung nicht getroffen haben würde (§ 2085 BGB)C Das Berufungsgericht stellt, insbesondere aufgrund von Äußerungen, die der Erblasser in seinen späteren Lebensjahren gemacht hat, fest, er habe bei der Errichtung des Testaments im Jahre 19^-7 das Vermächtnis zugunsten der Klägerin nicht davon abhängig machen wollen, ob der Beklagte nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik das Gut in wieder werde in Besitz nehmen kön- sprechen, insbesondere die Tatsache, daß der Erblasser die Parteien zu gleichen Teilen als Erben eingesetzt und zu Lasten des Beklagten eine der Gleichstellung dienende Herauszahlung angeordnet hat* Es ist revisionsrechtlich nicht zu beanstanden, daß es diese und andere Umstände als nicht ausreichend angesehen hat, den dem Beklagten obliegenden Beweis der gegenseitigen Abhängigkeit der ' ' --vylfermächtnisanordnungen zu erbringen, und zu der am Eingang dieses Absatzes wiedergegebenen Feststellung gelangt isto Ein Verstoß gegen die Denkgesetze liegt nicht vor0 Es ist nicht undenkbar, daß der Erblasser in erster Linie die Gleichstellung seiner Kinder herbeizuführen wünschte, gleichwohl aber der Klägerin §yf_jeden__Fall den Grundbesitz in KflHHB zukommen lassen wollte 0 Das Vorbringen der Revision läuft darauf hinaus, die gegenseitige Abhängigkeit der Vermächtnisse folge bereits aus dem Inhalt des Testamentso Dem kann nicht gefolgt werden0 Der Revision ist einzuräumen, daß die von ihr für richtig gehaltene Auslegung möglich isto Indessen ist dem Berufungsgericht darin beizutreten, daß eine andere Auslegung ebenfalls in Betracht kommt, und es zeigt keinen Rechtsfehler, daß das Berufungsgericht aufgrund seiner Beweisaufnahme zu der angeführten Feststellung gelangt isto Es hat keinen wesentlichen Gesichtspunkt übersehen? Das Berufungsgericht läßt dahinstehen, ob der Erblasser zu der Verfügung zugunsten der Klägerin durch die irrige Erwartung bestimmt worden ist, daß der Beklagte das Gut in behalten und nutzen könne, denn es stehe fest, daß er die Verfügung in Kenntnis der Bedenken gegen die Wirksamkeit und Durchsetzbarkeit des zugunsten den Beklagten angeordneten Vorausvermächtnisses aufrecht erhalten habec Das Berufungsgericht kommt daher zu dem Ergebnis, der Beklagte sei nicht berechtigt gewesen, das zugunsten der Klägerin angeordnete Vermächtnis an-zufechten, und ihm stehe daher nicht nach §§ 2078, 2083 BGB ein Leistungsverweigerungsrecht gegenüber dem Klaganspruch ZUo Auch hier ergeben sich gegen die Ausführungen des Berufungsgerichts keine durchgreifenden Bedenken„ Zwar kommt es auch für die Frage der Anfechtbarkeit einer letztwilligen Verfügung auf den Willen an, den der Erblasser zur Zeit ihrer Errichtung hatte, und aus der Tatsache allein, daß ein Erblasser eine auf irrtümlichen Erwägungen beruhende Zuwendung nach Erkenntnis seines Irrtums nicht widerrufen hat, wird oft nicht ohne weiteres gefolgert werden können, der Erblasser würde die Verfügung auch bei Kenntnis des wirklichen Sachverhalts getroffen haben0 Denn der Erblasser kann durch irgendwelche äußeren Umstände an der Änderung seiner Verfügung gehindert worden sein0 Es kommt vielmehr auf das Gesamtbild des einzelnen Falles an0 VJie der Revision einzuräumen ist, könnten einige Wendungen des Berufungsurteils dafür sprechen, das Berufungsgericht habe rechtsirrtümlich den Umstand, daß der Erblasser die Ver~ mächtnisanordnungen trotz späterer Erkenntnis der Unrich- tigkeit seiner bei der Testamentserrichtung bestehenden Vorstellungen nicht abgeändert hat, als ausreichend angesehen, um den ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Irrtum und der zugunsten der Klägerin getroffenen Vermächtnisanordnung zu verneineno Indessen hat das Berufungsgericht nicht verkannt, daß es entscheidend auf den Willen ankommt, den der Erblasser zur Zeit der Errichtung des Testamentes hatte„ Es hat sich nicht etwa darauf gestützt, daß in dem späteren Verhalten des Erblassers eine Bestätigung des zugunsten der Klägerin angeordneten Vermächtnisses im Sinne des § 144 BGB liege. Es erübrigt sich daher, auf die umstrittene Frage, ob eine solche Bestätigung möglich ist, einzugehen (vgl0 Lange, Erbrecht § 35 Abs0 V b mit Anm0 3; Staudinger, BGB 11„ Aufl0 § 2078 Rdz, 11, jeweils mit weiteren Nachweisen)0 Des Berufungsgericht zieht vielmehr aus den Äußerungen des Erblassers, wie sich insbesondere aus der Verweisung auf die zur Frage der gegenseitigen Abhängigkeit der Vorausvermächtnisse getroffenen Feststellungen ergibt, lediglich rückschauend den Schluß, daß der Irrtum des Erblassers für die Gestaltung des Testaments nicht ursächlich gewesen seia Denn dort hat das Berufungsgericht ausdrücklich festgestellt, der Erblasser habe die Anordnung des Vorausvermächtnisses zugunsten der Klägerin nicht davon abhängig wissen wollen, ob der Beklagte das Gut in wieder werde in Besitz nehmen können0 Biese Feststellung beruht , wie bereits ausgeführt, nicht auf Rechts fehlem* Sie wird insbesondere durch den behaupteten Irrtum nicht ausgeschlossen» Auch fehlt jeder Anhaltspunkt dafür, daß das Berufungsgericht die Teile der von ihm eingehend aufgenommenen Zeugenaussagen, auf die die Revision abstellt, übersehen hätte» Das Berufungsgericht ist daher ohne Rechtsfehler zu dem Ergebnis gelangt, daß dem Beklagten kein Leistungsverweigerungsrecht nach §§ 2078, 2083 BGB zuoteilt»