BGH · III ZB 5/51
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Angesichts des bevorstehenden Ablaufs der« Berufungsfrist habe sich der Prozessbevollmächtigte des .Beklagten am 19® Januar 1951 abermals zu dem Vorsitzenden der Zivilkammer begeben* Er habe diesen sehr eindring, lieh auf die Eilbedürftigkeit und die Regressgefahr hinge-* wiesen« Der Vorsitzende habe erwidert, die Urteilsabset--amg werde erst nach der Genesung des Berichterstatters möglich sein; der Beklagte brauche sich wegen einer etwaigen Berufungseinlegung keine Sorgen zu machen, weil die \7iedereinsetsung in den vorigen Stand zweifellos gewährt werden würde, wenn Tatbestand und Entscheidungsgründe erst nach Ablauf der Berufungsfrist gefertigt und dem Prozessbevollmächtigten zugehen .würden» I'Auch habe«derr Proze bevollmächtigte der Beklagten bei dieser Besprechung den Kammervorsitzenden eigens auf das grosse Kostenrisiko an- bevollmächtigten zugegangen und dieser habe es selbst am IO® März 1951* erhalten» Zwischen* dem Eingang des vollständigen Urteils und der Einreichung der Berufungsschrift mit dem T/iedereinsetzungsantrag sei dann alles zur Beschleunigung nur Uögliche geschehen» Deshalb liege ein unabwendbarer Zufall.im Sinne des § 233 ZPO vor, der die Gev/ährung der Y<Tiedereinsetzung in den vorigen Stand rechtfertige, wie dies das Beispiel des Verfahrens der Praxis bei der Bewilligung der Y/iedereinsetzung in Armensachen ergebe» Das Oberlandssgericht hat durch den Beschluss vom 23o April 1951 die Berufung des Beklagten gegen das Urteil* des Landgerichts unter Zurückweisung des Antrages auf Y/ie-dereinsctzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Berufungsfrist als unzulässig verworfen» Es verneint, dass die Versäumung der Berufungsfrist auf einem unabwendbaren Zufall beruhe» Unter Hinweis auf die Rechtsprechung des Reichsgerichts fprdert das Oberlandesgericht die vorsorgliche fristgemässe Einlegung der Berufung auch ohne Kenntnis der Entschoidungsgründe des Urteils, um grösseren Schaden zu vermeiden, zu demal da auch im bürgerlichen Recht dem Geschädigten zugemutet werde, Schaden durch eigenes Tun abzuwenden, zu mindern, oder durch Einlegung von Rechtsmitteln ihm vorzubeugen» Dass das Gesetz dem durch das Urteil Beschwerten die Einlegung der Berufung auch ohne Kenntnis des Tatbestandes und der Entschoidungsgründe des angefochtenen Urteils zu demute, komme durch die abweichende gesetzliche Regelung für die Revision, wonach die Revisionsfrist erst mit der Zustellung des in vollständiger Porm abgesetzten Urteils beginne, deutlich zu dem Ausdruck» Der rechtskundige Vertreter der Beklagten habe sich daher bei der Meinungsäusserung des Kammervorsitzenden nicht beruhigen dürfen, dass unter den gegebenen Umständen dem Beklagten die Uiedereinset»» amg in den vorigen Stand gewährt werden würde« Gegen den am 19-« Mai 1951 zugeotellten Beschluß des Oberlandesgerichts hat der Beklagte durch Einreichung einer am 29» Kai 1951 beim Oberlandesgericht eingegangenen Beschv/erdeschrift seines dort zugelassenen Prozessbevollmächtigten sofortige Beschwerde eingelegt mit dem Antrag auf Aufhebung des angefochtenen Beschlusses und Erteilung der Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Berufungsfrist« zessbevollmächtigten des Beklagten vor, Januar 1951 von dem Gegenanwalt eine beglaubigte Abschrift des Urteils zugestellt worden ist« Zugectellt ist auch, entgegen der Heiiiung des Beschwerdeführers, das Urteil, gegen welches 3ich die Berufung richtet0 Bas abgekürzte,verkünde-te und ausgefertigte, dem Beklagten zugestellte^ Urteil, durch welches der Zahlungsanspruch der Klägerin dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt worden ist, trägt oben am Kopfe die Bezeichnung "Ceilurteil", während das später in vollständiger Abfassung zu den Akten gebrachte und dem erstinstanzlichen Prozessbevollmächtigten des Beklagten nach dessen Angabe am 10« März 1951 zugeleitete Urteil mit M Grund teilurteil11 überschrieben ist* Hieraus kann aber kein berechtigter Angriff hergeleitot werden« Es ist nicht so, v/ie der Beklagte meint, dass die Berufung nicht gegen ein "Teilur-teil,f, sondern gegen ein "Grundteilurteil" durchgeführt werden soll, das überhaupt noch nicht zugestellt worden ist« Bie irrtümliche Bezeichnung des abgekürzten Grundurteils als "Teilurteil” und die in dem vollständigen Urteil allerdings in unzulässiger Weise vorgenoemene Veränderung in "Grundteilurteil” hat für die Wirksamkeit des ordnungsmäs-sig verkündeten Urteils keine Bedeutung« Gegen dieses verkündete an 3« Januar 1951 zugecteilte Urteil ist die Berufung gerichtet« Bie am 20« März 1951 bei Gericht eingegangene Berufung ist daher verspätet eingelegt« hüten, dass eine Partei Rechtsnachteile aus der Fristver-säumnis erleidet infolge von Umständen, die ausserhalb ihres Uachtbereichs liegen, her Begriff des unabwendbaren t Zufalls wird dabei von der neueren Rechtsprechung weither-^ zig dahin verstanden, dass die Partei trotz der ihr zuzu« mutenden Sorgfalt an der Einhaltung der Prist verhindert war (Stein-Jonas-Schöhlce ZPO 17o Aufl, § 233 Anm II)« -hies ist z B der Pall, wenn ein Armenrechtsgesuch so rechte zeitig bei Gericht 'eingereicht war, dass mit seiner Erle-v: digung vor Ablauf der Prist nach den Verhältnissen gerecht net werden konnte,« die Entscheidung Über das Gesuch sich aber ungewöhnlich verzögert hat. (§§ 311 Abs 2, 312 Abs *2 ZPO) , noch bei den Rücksprachen seines erstinstanzlichen Prozessbevollmächtigten mit dem Keunmer-vor sitz enden* Die Ent scheidungsgründe v/aren auch nicht auf der Geschäftsstelle einzusehen,' da sie wegen Erkrankung des Berichterstatters nicht in der vor geschriebenen Weise .(§ 315 Abs 2 ZPO) der Geschäftsstelle übergeben worden sind* Die Meinungsäusserung des Kamnervorsitzenden, dass dem Beklagten die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand bewilligt werden würde. mag ferner dazu beigetragen haben, dass der Beklagte von der Einlegung der Berufung abgesehen hat* Selbst ein dahingehender Rat des Vorsitzenden könnte aber nur die Schuldfrage berühren« Pür die Anwendung des § 233 ZPO kommt .es jedoch nicht allein darauf an, ob die EntSchliessung der Partei, die hier bewusst und gewollt zur Versäumung der Berufungsfrist führte, entschuldbar ist« Vielmehr muss die Partei, ?/ie bereits hervorgehoben wurde, trotz der ihr zuzu demutenden Sorgfalt an der Einhaltung der Prist verhindert seine sehen formalem Hecht und seiner höheren Pflicht zu lösen versucht, da er angesichts des grossen Köstenrisikos vor einer Prüfungsmöglichkeit der Berufungsaussichten nicht hätte Berufung einlegen dürfen, zu demal der Vorsitzende den Anwalt geradezu veranlasst habe, die Berufungsfrist * verstreichen zu lasseno Ein derartiger Widerstreit liegt nicht vor* Der Beklagte hatte in eigener Verantwortung zu entscheiden, ob er Berufung einlegen wollte oder nicht« Aufgabe des Prozessbevollmächtigten war es dabei, seine Partei über die Rechtslage aufzuklären und sie auch auf die Stellungnahme der Rechtsprechung hinzuweisen« Wenn die Erfolgsaussichten einer Berufung von dem Prozessbe-vollnächtigteri wegen des Pehlens des vollständigen Urteils nicht absclili essend beurteilt werden konnten und wenn die Partei selbst dadurch für ihre Entschliessung auch in eine schwierige Lage geriet, so hätte sie doch nach entsprechender Beratung durch ihren Anwalt durch fristgerechte Einlegung der Berufung dem Gesetz Rechnung tragen können, statt sich darüber bewusst hinwegzusetzen« In einem solchen Palle muss es* der Partei zugemutet werden, wenigstens vorsorglich die Berufung einzulegen und ein damit verbundenes Kostenrisiko in Kauf zu nehmen« lässt sie dagegen die Prist bewusst verstreichen, so kann sie keine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand beanspruchen (RGZ 121, 121; RG HER 1937, 590)« Darauf, ob die Partei alles versucht hat, um rechtzeitig in den Besitz der vollständigen Urteilsausfertigung zu gelangen, kommt es nicht * entscheidend an* Die Nichtanwendung aller Mittel zu diesem*