BGH · GSSt 2/53
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
1948 ist mit Art 103 Abs 3 des Grund ge s e t2 es' i insoweit- nicht vereinbar k als er die. Wieder--' aufnähme des Verfahrens zu Ungunsten 's.) eines zu Strafe Verurteilten, 20 Art 103 Abs 3 GrundG steht der nochmaligen Ab-. § 10 des Landesgesetzes von Rheinland-Pfalz zur Beseitigung nationalsozialistischen Unrechts in der Strafrechtspflege vom 23* März 1948 ist mit Art 103 Abs 3 des Grundgesetzes insoweit nicht vereinbar, als er die Wieder au f nähme des Verfahrens zu üngunsten der konkurrierenden Gesetzgebung gehört, § 10 UnrBesG stimmt überein mit § 8 der Verordnung des Zentraljustiz-amts für die Britische Zone vom 23= Mai 1947 (VQBl BrZ 1947. 2, ) Es fragt sich, ob § 10 UnrBesG nicht auch als Bundesrecht durch die Wiedereinführung der einheitlichen Strafprozessordnung beseitigt worden ist„ Das ist indes zu verneineno Die Wiederaufnahnebestimmungen der Strafprozessordnung gehen als allgemeineres, wenn auch späteres Gesetz dem § 10 UnrBesG als dem früheren besonderen Gesetz nicht ohne weiteres vor. Das Gesetz zur Wiederherstellung, der Rechtseinheit hat zwar zahlreiche andere Vorschriften, J nicht aber den § 10 UnrBesG ausdrücklich aufgehoben! Auch muss berücksich-' tigt werden, dass die Wiederaufnahmevorschriften der Strafprozessordnung schon vor dem Vereinheitlichungsgesetz neben den Sonderbestimmungen der § 10 UnrBesG, § 8 VO d ZJA BrZ vom 2J, Mai 1947 gegolten haben, wenn auch in nicht ganz einheitlicher Form, 3, ) Daraus, dass in der vorliegenden Sache das Landgericht aui-Grund des § 10 UnrBesG am 28« Oktober 1948 gemäss § 370 StPO rechtskräftig die Wiederaufnahme des Verfahrens angeordnet hat, folgt nicht,'.dass im Fortgang des Verfahrens nicht geprüft werden dürfte, ob der inzwischen' in Kraft getretene Art 103 Abs 3 GrundG den § 10 UnrBesG rechtsunwxrksam gemacht hat <> 4 * * 4, } Das Bundesverfassungsgericht prüft nach seiner ständigen Rechtsprechung (3Ve.rfG E 2, 124) Gesetze, die vor dem Inkrafttreten des Grundgesetzes, dem 24« Mai 19491 verkündet wurden, nicht auf ihre Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz nach» Der Grosse Senat kann daher diese Prüfung in Bezug auf das UnrBesG vom 23. 5») Der 1„ Strafsenat will den Grossen Senat nur mit der Frage befassen, ob § 10 UnrBesG sich mit Art 103 Abs 3 GrundG vereinen lasse» V/egen der Auslegung des Art 139 GrundG hat er eine Entscheidung des Grossen Senats nicht für erforderlich' gehalten. Denn die Frage der Vereinbarkeit mit Art 103 Abs 3 GrundG wäre gegenstandslos, wenn § 10 UnrBesG "zur Befreiung des deutschen Volkes vom Nationalsozialismus und Militarismus» erlassen wäre und deshalb gemäss Art 139 GrundG von den Bestimmungen des•Grundgesetzes, also auch von Art 103 Abs 3 GrundG nicht berührt würde,, Jedoch ist dem 1» Strafsenat darin beizustinmen, dass Art 139 GrundG sich nur auf die Vorschriften über die sogenannte Entnazifizierung bezieht 3 Das ergibt zunächst die Entstehungsgeschichte» Im Parlamentarischen llat schlug der damalige Abgeordnete Dr» Heuss vor, die Worte "Befreiung des deutschen Volkes vom Nationalsozialismus und Kilitarismus* in Anführung set- : sen, um kiarzustellen, "dass es sich um die im Zusammenhang mit dem Kontrollratsgese t z erlassenen Gesetze handelt"„ Dementsprechend sind dann die Anführungszeichen eingefügt worden, die einen anderen erkennbaren Sinn nicht haben3 Mit dem "Kontrollratsgesetz" war, Wie die vorangegangenen Aus-schussberatungen erkennen lassen, die. Auch die deutschen Gesetze, die zur Ausführung dieser Kontrollrats-* direktive in den Ländern der amerikanischen Besatzungszone ergangen waren, trugen die Bezeichnung "Gesetz zur'Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus” «. achtung des Rechts den Rechtsstaat wieder zu begründen und zt sichern-. Deswegen bekennt es sich zu übergesetzlichen, auch den Verfassungsgesetzgeber selbst bindenden Grundrechten (Are 1 und 19} und deswegen entzieht es die grundlegenden Normen des Rechtsstaats jeder Änderung durch den Gesetzgeber, auch den Verfassungsgesetzgeber (Artt 20, 28, 79 GrundG), Der Art 139 GrundG kann daher nicht so ausgelegt werden, dass er trotzdem die von ihm betroffene Menschengruppe dauernd und in beliebigem Umfange von dem Schutz der Grundrechte und der sonstigen rechtsstaatlichen Sicherungen entblössen wolle, Zu diesen Sicherungen gehört auch die Vorschrift des Art 103 Abs 3 GrundG; die durch sie gewährleiste te Rechtssicherheit kann selbst nicht im Wege' des Art 18 GrundG verwirkt werden» Der Art 139 GründG hat daher erkennbar nur den Sinn, es rechtlich zu ermöglichen, durch den e: maligen Akt der "Entnazifizierung" den staatlichen, politischen und Wirtschaft1lohen Einfluss solcher Personen zu be-} schneiden, von denen eine ernsthafte Gefährdung des demokratischen Rechtsstaats zu befürchten war» Sine weitergehende Bedeutung kommt ihm nicht zu» Gerade das sollte durch, den oben erwähnten Antrag des Abgeordneten Heuss klargestellt werden; haft geltenden Satz des StrafVerfahrensrechts abgesehen,, dass nicht ein neues Verfahren wegen einer Tat stattfinden dürfe, »über welche gegen denselben Angeklagten bereits ein rechtskräftiges Urteil ergangen ist” (RGSt 2, 347] Schon in dieser ersten Entscheidung aus dem Jahre 1S80 berief das Reichsgericht sich; auf eine lange rechts--geschichtliche Überlieferung dieses Satzes in der Vorm ,!ne bis in idem»«. Es hat in ständiger Rechtsprechung daran festgehalten,“ dass es sich hier "nicht nur um einen sach-lichrechtlichen Schutz des bereits bestraften Täters gegen eine erneute Bestrafung wegen derselben Tat"., sondern um ein Yerfahrenshindernis handele (so zuletzt RGSt 72, 102)o Riese ansicht ist auch in der Wissenschaft des Strafe verfahrehsrecuts völlig herrschend geworden. ■> Er wurde aus dem Zusammenhang der Strafprozessordnung hergeleitet und kraft allgemeiner Rechtsüberzeugung als ein Teil des geltenden Verfahrensrechts angewendet, Der Gesetzgeber war aber nich gehindert , ihn einzuschränken» Seit langem hergebracht waren eie gesetzlichen Einschränkungen dieses Satzes im Wie-deraufnahmerecht (StPO §§ 359 ff), die für gewöhnliche Zei Verhältnisse gedacht waren. Bis zu dem Inkrafttreten des Grün gesetzes bestanden aber auch keine Bedenken dagegen, dass die seit 19A5 zuständige Landesgesetzgebung den Satz {(ne bis in idem" in besonderen Ausnahmevorsehriften durchbrach um eine gerechte Bestrafung des in den vergangenen Jahren entweder .gar nicht' oder doch nicht angemessen gesühnten Unrechts zu ermöglichen. der Übergangszeit konnte dem Gesetzgeber eine solche Aiisn ahmere ge lung erforderlich erscheinen, um zunächst durch gerechte Sühne vergangener Schuld dem nunmehr zu errichtenden Rechtsstaat den Boden z bereiten« • Diese Angriffe wurden jeder rechtsstaatlichen Sicherung, auch im Bewusstsein der Juristen, um so gefährlicher, als sie sich stets auf den Grundsatz der materiellen Gerechtigkeit gegenüber toten-förmlichen Bindungen zu berufen pflegten*- Diesen Gefahren musste und wollte das Grundgesetz begegnen. Dass Art 103 Abs 3 GrundG nur von mehrmaliger "Bestrafung17 und nicht von mehrmaliger "Aburteilung" spricht , ist nicht von entscheidender Bedeutung, Dass damit .etwa die Rechtskraft zugunsten Breigesprochener von der verfassungskräftigen Sicherung ausgenommen- werden sollte, kann -unmöglich angenommen werdenDenn der rechtskräftig Breigesprochene braucht und verdient in genau demselben Masse Schutz gegen eine nochmalige Wieueraufrol'lung des Verfahrens gegen ihn wie der rechtskräftig Verurteilte* Die Vorschrift hat daher auch alle Beratungen der Ausschüsse und .des" Plenums ohne sachliche Erörterung durchlaufen.-' Auch de '.rechts ge schient liehe Anstoss für das Verbot neuer Bestra-fung bezog sich ebensowohl auf Bälle der rechtskräftigen ,.Freisprechung wie auf Fälle der rechtskräftigen Bestra,- -fung* Die vorangegangene V'illktirherrschaft war gerade aueft Dadurch gekennzeichnet gewesen, dass "der Freispruch des Richters dem Freigesprochenen die Freiheit nicht mehr verschaffte" (Baders Die deutschen Juristen, 1947? S 14£ ähnlich Eb".Schmidt aaO S 429)', Dem Grundgesetzgeber kann nich unterstellt werden, dass er - wenn er schon dem Satze "ne bis in idem" Terfassungskraft verlieh - nicht auch diesem Missbrauch hätte steuern wollen« Der Wortlaut des Art 103 Abs 3 GrundG bildet deshalb keinen Grund dafür,- die beiden Fragen, die der 1* Strafsenat gestellt hat, verschieden z beantworten. Gegenständ, sei ner 5elung , nb 1 ? Es wird nur darauf äbgestellt, dass der Freispruch oder das Strafmass auf ''politische Gründe" zurückzuführen seil Das erklärt sich aus dem Bestreben, frühere unsachliche politische Einflüsse auf die Strafrechtspflege rückgängig zu machen und ihnen gegenüber die wahre Gerechtigkeit wieder zur Geltung zu bringen. Die Art, in der 1933 - 1945 "politische Gründe" auf ein Strafverfahren einwirken konnten, entzog sich, eben jedem Versuch klarer Umgrenzung. gar nicht• Denn da "politische Gründe" von Rechts wegen einen Einfluss auf den Freispruch oder auf das Strafmass nicht hätten haben dürfen, so hätten die Richter sich einer Rechtsbeugung schuldig gemacht, wenn sie ihnen nachweislich einen solchen Einfluss eingeräumt hätten. In solfj eben Fällen läge der Fall des § 362 Nr 3 StPO vor, so dass] das Verfahren auch ohne besondere Vorschrift wieder aufgeff nominen werden könnte. An diese Fälle ist in § 1.0 UnrBesG nicht gedacht5 vielmehr sollte gerade der in einem ordnungsgemässen Verfahren zu führende Nachweis, dass "politische Gründe" eine' Rolle gespielt hätten, entbehrlich ge-| macht werden» Die Vorschrift gewann ihre eigentliche Bedei tung gerade dadurch, dass hier eine mehr oder weniger un- J bestimmte, auf einem allgemeinen Eindruck von der damaliger. Eben das widerspricht in der inzwischen durch d-as Grundgesetz wieder begründeten förmlichen Ordnung den Erfordernis sen normaler rechtsstaatlicher Strafrechtspflege und untei scheidet den § 10 VnrBssG von einer \Yiederaufnahmevorschl der herkömmlichen Arth, Hach, alledem ist die Bestimmung; soweit sie die Wie-.'