BGH · AnwZ (B) 9/66
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Die sofortige Beschwerde des Antragstellers gegen den auf Grund der mündlichen Verhandlung vom 28o und 29o April 1966 ergangenen Beschluß des Ehrengerichtshofs für Rechtsanwälte bei dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg wird zurückgewieseno Der Beschwerdeführer hat die Kosten des Rechtsmittels einschließlich der dem Beschwerdegegnerv erwachsenen außergerichtlichen Auslagen zu tragen 0 November 1964 die Zulassung des Antragstellers zur Rechtsanwaltschaft gemäß § 14 Abs. 1 Nr» 1 in Verbindung mit § 7 Nr. 5 BRAO zurück, weil dieser sich durch sein Verbal ten im Jahre 1942, das dem Urteil de3 Schwurgerichts zugrunde lag, und sein späteres Verhalten in den Jahren 1946/47 als unwürdig für den Beruf eines Rechtsanwalts erv/iesen habe» 1946/47 soll er seiner Ehefrau nicht beigestanden haben, als sie zwei Jahre lang interniert war, weil ihr der Vorwurf der Beihilfe zu dem Totschlag, begangen durch eine - tatsächlich vom Antragsteller 1942 erstattete - Anzeige oder Meldung gegen den Kaufmann T^|^, gemacht wurde. Adolf Hitler sei nicht normal, sondern vollkommen geistesgestört und lebe nur von Spritzen« Einmal in eine Irrenanstalt verbracht, komme er nicht wieder heraus« Auch die verrückte Bevölkerungspolitik werde dann aufhören« Wenn er beim Friedensdiktat zu bestimmen hätte, würde vorgeschrieben werden, daß keine deutsche Frau mehr als zwei Kinder haben dürfe, v/eil die Kinder doch nur geboren v/ürden, um später Kriege führen zu können, denn Deutschland werde nie Ruhe geben« Auf einen Einwurf der Frau äußerte T^j^ weiter, leider seien die Englanger noch nicht am Brandenburger Tor, aber lange werde es nicht mehr dauern, die SS-Ieute seien die größten Sadisten und mit den russischen Kommissaren zu vergleichen« , dem Gespräch mit T^|B vom 6» November 1942 einen harmlosen Inhalt zu geben, unzugänglich» Da dabei eine mögliche Diffamierung seiner Frau vor dem Volksgerichtshof erwähnt wurde, suchte er den Präsidenten des Volksgerichtshofs FBHIB in dessen Wohnung auf und hatte eine Unterredung mit ihm» Der erste Hauptverhandlungstermin gegen konnte wegen Fehlens der Zeugin BB|fBB nicht durchgeführt werden» Darauf versuchte die Ehefrau des Antragstellers vergeblich, persönlich bei zugunsten Tramms zu intervenieren» Das Schwurgericht hat in seinem Urteil vom 8«, Mai 1964 dargelegt, daß das Urteil des Volksgerichtshofs gegen T^^ objektiv den Tatbestand des Totschlages erfülle o T^^p habe sich allerdings der öffentlichen Wehrkraftzersetzung schuldig gemacht; das Volksgerichtsurteil sei aber deswegen rechtswidrig, weil die Todesstrafe grausam und übermäßig hart sei und es sich nicht um die Anwendung von Recht, sondern um einen Machtspruch gehandelt habe« Zu diesem Urteil habe der Antragsteller durch seine Meldung seinen Tatbeitrag geleistete Er habe auch mit der Möglichkeit eines Todesurteils gerechnet und ein solches gebilligte Das Schwurgericht hält ihn der Beihilfe zu dem Totschlag nur deshalb nicht für überführt, v/eil es Zweifel hat, daß der Antragsteller auch in seinen Vorsatz aufgenommen habe, das Todesurteil werde unter Verletzung des damals geschriebenen Rechts als krimineller Totschlag ergehen; der Antragsteller habe nichts Falsches berichtet und zur Zeit seiner Meldung sei der Volksgerichtshof noch nicht für Verfahren gegen Wehrkraftzersetzung zuständig gewesen* Außerdem seien für die Todesstrafe wahrscheinlich die Flucht T^PP mit ihren Begleitumständen sov/ie die Verschlechterung der Kriegslage entscheidend gewesen« Das habe der Antragsteller bei seiner Meldung aber nicht wissen können« Juli 1947 in der amerikanisch besetzten Zone interniert, v/eil ihr vorgeworfen wurde, die Anzeige gegen erstattet zu haben» Obwohl der Antragsteller von der Internierung und dem Spruchkammerverfahren Kenntnis hatte, begab er sich nicht zu ihr, um ihr beizuste'nen» Er begründet dies damit, daß er, wenn er sich in die amerikanische Zone begeben hätte, sich der Gefahr ausgesetzt haben würde, verhaftet und unberechtigt zu dem Tode verurteilt zu werden» Deshalb schickte er seiner Ehefrau nur ein sogenanntes Memorandum, das nicht unterschrieben und dessen Verfasser nicht ersichtlich war» Darin hatte er die Vorfälle aus seiner Sicht geschildert» Der Senat hat den dargelegten Sachverhalt auf Grund der herangezogenen Strafakten 141 Ks 1/62 der Staatsanwaltschaft Hamburg, insbesondere des SchwurgerichtsUrteils vom 8» Mai 1964, der beim Antragsgegner geführten Personalakten des Antragstellers, der Akten J 77/266 der Spruchkammer Stuttgart, sowie der vom Ehrengerichtshof durchgeführten Beweisaufnähme und der persönlichen Anhörung des Antragstellers festgestellt» Er trägt keine Bedenken, den Inhalt des Schwurgerichtsurteils im wesentlichen seinen Peststellungen zugrunde zu legen» Zwar ist er daran nicht derart gebunden, wie es § 118 BRAO für das eigentliche ehrengerichtliche Verfahren vorschreibt (vgl BGHZ 39, HO, 112 f a NJW 1963, 1007 und den zur Veröffentlichung vorgesehenen Beschluß des Senats vom 21» November 1966 - Anv/Z (B) 3/66)» Das Urteil im Strafverfahren ist jedoch ein besonders wichtiges Beweismittel, da es in einem genau geregelten Beweismittelverfahren das Verhalten, die Art der Tätigkeit und den Umfang einer strafrechtlichen Schuld des Antragstellers feststellt (vgl«, BGH NJW 1966, 659)« Der erkennende Senat hat hier um so weniger Bedenken, die Feststellungen des Schwurgerichts zu übernehmen, als der Antragsteller diese damals und auch heute zu dem großen Teil zugestanden hat, sie im wesentlichen den polizeilichen und richterlichen Aussagen der Zeugen in den Strafakten entsprechen und außerdem durch die zusätzliche Beweisaufnahme vor dem Ehrengerichtshof bestätigt worden sind. Insbesondere hat der Antragsteller zugegeben, die Meldung gemacht und mit - aber nur wegen der möglichen Diffamierung seiner Ehefrau - gesprochen zu haben«, Bei der Vernehmung durch den Untersuchungsrichter vom 29«, September 1961 hat er eingeräumt, nach dem Urteil vom 26«, Oktober 1943 geäußert zu haben, Leute, die solche Erklärungen gemacht hätten, gehörten einen Kopf kürzere Seiner früheren Ehefrau gegenüber hat er nach ihrer Aussage vor dem Untersuchungsrichter vom 13o Juni 1961 sogar sich wiederholt in diesem Sinne erklärt» Auch Frau hat als Zeugin bestätigt, daß der Antragsteller auf dem Wege vom Volksgerichtshof zu dem Kaiserhof seine Zufriedenheit mit dem Urteil bekundet habe» Der Sachverhalt bezüglich der Vorfälle im Kriege ist hinreichend geklärt, so daß eine weitere Beweisaufnahme insoweit nicht erforderlich ist«, Nach § 14 Abs» 1 Nr. 1 BRAO muß die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft zurückgenommen werden, wenn zu der Zeit, als sie erteilt wurde, nicht bekannt v/ar, daß Umstände Vorlagen, aus denen sie hätte versagt werden müssen« Damals galt noch § 15 Nr. 4 RAOBZ vom 10« März 1949 (V0B1BZ 80), v/onach die Zulassung versagt werden mußte, wenn der Antragsteller sich eines Verhaltens schuldig gemacht hatte, welches die Ausschließung aus der Rechtsanwaltschaft bedingen würde. Nach § 7 Nr, 5 BRAO darfein Bev/erber nicht zugelassen werden, der sich eines Verhaltens schuldig gemacht hat, das ihn unwürdig erscheinen läßt, den Beruf eines Rechtsanwalts auszuüben, Welche Bestimmung hier anzuv/enden ist und ob beide Vorschriften, abgesehen von der Fiktion einer Prüfung unter dem Gesichtspunkt der Ausschließung in der RAOBZ, sachlich genau denselben Inhalt haben, kann dahingestellt bleiben (vgl, dazu BGH Beschluß vom 29* Oktober 1962 - AnwZ (B) 13/62), Denn in beiden Fällen lag im Zeitpunkt der Zulassung der MußVersagungsgrund vor. Denn unabhängig davon, ob das Verhalten des Antragstellers in diesem Zusammenhang strafbar war, liegt darin ein so schweres Verschulden, daß ihm deswegen im Jahre 1953 die Zulassung hätte ver- hatte sich durch seine Äußerungen als Gegner des Nationalsozialismus erwiesen» Die NSDAP und ihre den Staat beherrschenden Vertreter bekämpften, v/as keiner näheren Darlegung bedarf, ihre Gegner mit allen Mitteln ohne Rücksicht darauf, ob diese rechtmäßig waren» Wer ihnen als ernsthafter - oft auch nur als möglicher - Gegner auffiel, wurde unterdrückt oder vernichtet» Viele Gegner wurden ihrer Freiheit unter sehr erschv/erten Umständen beraubte Andere erlitten ein noch schwereres Umstandene Menschlicher Wert und Menschenwürde wurde ihnen nicht zuerkannt« Insoweit herrschte nicht mehr das Recht, sondern das Unrechte Diesem Unrecht hat der Beschwerdeführer gediente Insbesondere gilt das für seine tee Zu seiner Rechtfertigung kann er sich nicht auf eine angebliche Verpflichtung zur Meldung berufen» Eine Rochts-pflicht, dem nationalsozialistischen Regime bei der Unterdrückung Andersdenkender zu helfen, kann nicht anerkannt werden» Der Beschwerdeführer hat nach der Überzeugung des Senats gewußt, daß er, indem er eine Meldung gegen in den Geschäftsgang des Propagandaministeriums brachte, diesen unmenschlichen Verfolgungsmaßnahmen aussetzte• Das ergibt sich aus seiner Kenntnis der nationalsozialistischen Praxis, die er gerade als Angehöriger jenes Ministeriums in besonderem Maße hatte» Ob er mit einem Todesurteil rechnete, kann dahinstehen. Mißhandlungen - gev/ärtigen Der Antragsteller hat auch gewußt, daß das alles mit Recht nichts zu tun hatte, sondern bares Unrecht war» Er ist ein sehr intelligenter, kluger, klar und nüchtern denkender Mensch, hatte eine sorgfältige Ausbildung im Inund Ausland genossen, war damals 57 Jahre alt, hatte sich ein großes Maß an Lebenserfahrung verschafft, hatte vier Jahre im Propagandarainisterium gearbeitet und beobachtet, wie dort die nationalsozialistischen Unrechtsmaßnahmen propagandistisch vorbereitet, verdeckt und gerechtfertigt wurden» Es ist ausgeschlossen, daß dieser Mann den Unrechts Charakter des nationalsozialistischen Regimes nicht erkannt hat» Andernfalls hätte er sich gewaltsam vor dieser sich ihm aufdrängenden Erkenntnis verschlossen, was nicht minder schuldhaft wäre» Seine Einstellung gegenüber der Y/ürde des Menschen und dem Recht ergibt sich auch aus seinem sonstigen Tun» So hat er eine Artikelserie in dem berüchtigten antisemitischen Blatt "Der Stürmer" geschrieben» Wenn auch der genaue Inhalt dieser Serie nicht ermittelt worden ist, kann er doch nur in den Gesamtrahmen dieses Blattes gepaßt haben, sonst wären die Artikel nicht aufgenommen worden» In diesem Blatt wurden Juden und deren sogenannte Helfershelfer nicht v/ie Menschen, sondern v/ie Freiwild behandelt, das nicht des Lebens wert ist und liberal! Dadurch, daß er sich in der dargelegten Art gegenüber den Mitmenschen verhielt und dem Unrecht diente,-hat sich der Antragsteller als unwürdig für den Beruf eines Rechtsanwalts erwiesen«, Jemand, der eine solche Einstellung zu dem Recht und dem Leben anderer zeigt, kann nicht gemäß §§ 1, 3 BRAO als unabhängiges Organ der Rechtspflege Berater und Vertreter der Rechtsuchenden sein (vgl«, BGHSt 20, 73 f)o WSren diese Umstände zur Zeit der Zulassung bekannt gev/esen, hätten sie sowohl nach § 15 Nr«, 4 RAOBZ als auch nach § 7 Nr, 5 BRAO zur Versagung der Zulassung führen müssen«, Auf sein Verhalten in den Jahren 1946/47 kommt es insov/eit nicht mehr an«, Deshalb bedarf es nicht der beantragten Bev/eiserhebung darüber« Für die Anv/endung des § 14 Abs«, 1 Nr«, 1 BRAO ist allein der Zeitpunkt der Zulassung entscheidend« Damals war das schuldhafte Vorhalten des Antragstellers weder durch langen Zeitablauf noch durch einen möglicherweise eingetretenen inneren* Y/andel und andere Nachteile so v/eit ausgeglichen, daß er Von der Rücknahme der Zulassung hätte noch abgesehen werden können, wenn der Antragsteller sich in der Folgezeit bis zu dem Zeitpunkt, in dem der Sachverhalt bekannt wurde, so verhalten hat, daß er nunmehr auch unter Berücksichtigung der inzwischen vergangenen Zeit als würdig für den Beruf eines Rechtsanv/alts anzusehen war (§ H Abs.» 2 BRAO)„ Es kann unterstellt werden, daß der Antragsteller inzwischen von seiner früheren Einstellung innerlich abgerückt ist und anders denkt< Ob die Landes Justizverwaltung von der Kannvorschrift des § 14 Abs, 2 BRAO Gebrauch machen wollte, hatte sie nach pflichtmäßigera Ermessen zu ent scheiden <> Baß sie dabei die gesetzlichen Grenzen des Ermessens überschritten oder von dem Ermessen in einer dem Zweck der Ermächtigung nicht entsprechenden Y/eise Gebrauch gemacht hätte (§39 AbSo 3 BRAO), ist nicht ersichtliche Demnach war die sofortige Beschwerde des Antragstellers zurückzuweisen.