BGH · AnwZ (B) 33/61
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Zwar war der Senat beim Kammergericht ein Gericht im Sinne der Art. 92, 97 GG, und seine Urteile haben formelle und materielle Rechtskraft (BGHZ 34, 235)« Das bedeutet jedoch noch nicht, daß von dessen Feststellungen nunmehr in allen späteren Zulassungsverfahren nicht abgewichen werden darf.Gegenstand der Bindung eines Richters in einem späteren Verfahren ist nur die Entscheidung, daß ein bestimmter Sachverhalt die in der früheren Entscheidung bejahte oder verneinte materielle oder prozessuale Rechtsfolge habe oder nicht habe (vgl. b) Im Jahre 1947 beantragte der Beschwerdeführer zunächst seine Zulassung bei den Nürnberger Gerichten, später beim Amtsgericht in Waldmünchen und dem Landgericht in Arnberg» In dem Zulassungsgesuch verschwieg er die Vorgänge über seine frühere vorläufige Zulassung als Rechtsanwalt bei den Berliner Gerichten» Im Fragebogen gab er als Grund für die Beendigung seiner AnwaltStätigkeit in Berlin "Kündigung” an» Er verschwieg weiter, daß inzwischen gegen ihn beim Amtsgericht Köpenick ein Strafverfahren eingeleitet worden war» Die Zulassung in Waldmünchen und Amberg wurde am 13» September 1950 vom Bayerischen Staatsministerium der Justiz zurückgenommen» d) Eine am 21o April 1949 beantragte Zulassung beim Amtsgericht in Husum und Landgericht in Elensburg wurde zunächst gemäß § 15 Nr« 4 der RechtsanwaltsOrdnung für die britische Zone versagt» Nachdem das Ehrengericht der Rechtsanwalts-kammer Schleswig-Holstein durch Urteil vom 5» Februar 1951 den Versagungsgrund nicht für gerechtfertigt erklärt hatte, nahm der Antragsteller von seiner Zulassung beim Amtsgericht in Husum Abstand und beantragte nunmehr am 9« Februar 1951, jedoch erfolglos, seine Zulassung beim Amtsgericht und Landgericht in Kiel» Seine Berufung gegen das den Versagungsgrund des § 16 Nr* 2 der RechtsanwaltsOrdnung für die britische Zone anwendende Urteil des Ehrengerichts Schleswig-Holstein vom 18» Juni-1951 nahm der Beschwerdeführer am 11. Juli 1951 zurück, weil er inzwischen seine Zulassung bei Hamburger Gerichten beantragt hatte* Las Urteil des Ehrengerichts hatte festgestellt, daß der Beschwerdeführer den Rechtsanwälten. ter beschäftigt war, bei seiner Anstellung seine wirtschaftlichen, steuerlichen und persönlichen Verhältnisse falsch angegeben sowie das in Berlin schwebende Strafverfahren verschwiegen habe; infolge seiner unwahren Angaben über seine Tätigkeit in Waldmünchen mußten seine Arbeitgeber erhebliche Sozialbeiträge und Steuern nachzahlen* Außerdem stellte der Beschwerdeführer ohne Wissen seiner Arbeitgeber den Antrag auf Zulassung als Rechtsanwalt in Husum* Im Zusammenhang mit seiner fristlosen Entlassung erstattete er eine unbegründete Strafanzeige gegen die beiden Rechtsanwälte TSHB und Ir. Lfl^|p wegen falscher Anschuldigung in Tateinheit mit übler Nachrede und Verleumdung, obwohl er diesen zu Lank verpflichtet war» Er warf ihnen auch Verletzung des Briefgeheimnisses vor; die ihm mögliche Nachprüfung dieser Vorwürfe unterließ er* f) Ein am 23» September 1950 eingeleitetes Verfahren auf Zulassung beim Amtsgericht und Landgericht in Hamburg endete damit, daß diese zunächst durch Bescheid des Senats der Hansestadt Hamburg vom Io März 1951, schließlich gemäß § 16 Nr. 2 der Rechtsanwaltsordnung für die britische Zone durch Urteil des Ehrengerichtshofs der Rechtsanwaltskammern der britischen Zone vom 31» Oktober 1951 versagt wurde» Der Antragsteller hatte nämlich in seinem Antrag erklärt, daß ihm die Zulassung als Anwalt niemals versagt worden sei; außerdem hatte er sich als unbestraft bezeichnet und angegeben, die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Sowjetsektor Berlins seien der Grund für die Aufgabe seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt in Berlin-Köpenick gewesen« Im Urteil vom 3t° Ok hoher 1951 wird dargelegt, daß die Erklärung in seinen bisherigen Zulassungsgesuchen "eine Kette von Unwahrheiten" darstellten» g) Ein wiederholtes Gesuch um Zulassung zur Rechtsanwaltschaft beim Amtsgericht und Landgericht in Hamburg vom 26c Dezember 1951 wurde wiederum gemäß § 16 Nr« 2 der Rechts-anwaltsordnung für die britische Zone abgelehnt. Unter Hr. 10 des Fragebogens war nach Ermittlungs-, Straf-, Dienststraf- und Ehrengerichtsverfahren und ihrem Ergebnis sowie nach Y/arnungen, Rügen oder Mißbilligungen gefragt worden, nachdem der Antragsteller diese Frage zunächst erkennbar unvollständig beantwortet hatte, gab er auf eine Aufforderung des Kammergerichtspräsidenten, die Antwort zu vervollständigen, insgesamt nur die Urteile des Amtsgerichts Köpenick vom 28. September 1957 auf, weil Zweifel entstanden waren, ob der Kammergerichtspräsident befugt gewesen war, diese zu erlassen« Der Senator lehnte aber das Gesuch erneut durch Bescheid vom 24» September 1958 gemäß § 5 Nr» 4 BerlRAO ab» Dieser Bescheid v/urde durch Urteil des Ehrengerichts vom 29c Januar 1959 bestätigt» Die Berufung gegen dieses Urteil wurde durch Urteil des Ehrengerichtssenats beim Kammergericht vom 16» Juni 1959 aus den im nunmehr angefochtenen Beschluß vom 24« März 1961 angegebenen Gründen verworfen» 3« Wie der Ehrengerichtshof in dem angefochtenen Beschluß zu Recht hervorhebt, hat der Antragsteller bei allen Zulassungsanträgen unrichtige oder entstellende Angaben gemacht oder wichtige Umstände verschwiegen» Darauf, ob die Versicherung vom 28» August 1945, er sei nicht Mitglied der NSDAP gewesen, aus der damaligen allgemeinen Bage, der Verwirrung der Begriffe und einer wirtschaftlichen Notlage heraus noch verständlich und deshalb heute nicht sehr schwer zu werten ist, wie der Beschwerdeführer meint, kommt es nicht entscheidend an» Bemerkt sei aber doch, daß ein Notstand, auf den sich der Beschwerdeführer beruft, bisher nicht ersichtlich ist und die falsche Versicherung sich durchaus in den Rahmen des späteren Verhaltens des Beschwerdeführers einfügt„ Bei dem Bestreiten des Antragstellers hat auch mangels ausreichender Unterlagen nicht mit der notwendigen Sicherheit Näheres über den angeblichen Antrag vom 10» März 1949 auf Zulassung als Rechtsanwalt bei den Berliner Gerichten festgestellt werden können» Es ist lediglich eine Abschrift des Versagungsbescheides ermittelt» Weil dabei immerhin Fehler unterlaufen sein können, hat der Senat den angeblichen Antrag unberücksichtigt gelassen» Zulassung im Jahre 1946, sondern andere Gründe für die Beendigung der damaligen Tätigkeit als Rechtsanwalt angegeben hat* Das geschah in dem Gesuch vom 15» Juli 1947 um Zulassung bei den Gerichten in Nürnberg, in dem Gesuch vom 30« Juni 1948 um Zulassung bei dem Amtsgericht in Bredstedt und dem Landgericht in Flensburg, in dem er zusätzlich sagte, ar habe die Praxis des vermißten Inhabers Rflfc in B4BHI bis zu dessen Rückkehr geführt, obwohl er diese wegen der Rücknahme seiner Zulassung nicht mehr weiterführen durfte, in dem Antrag vom 21» April 1949» der auf die früher eingereichten Unterlagen Bezug nahm, sowie in dem Gesuch vom 23c September 1950, worin er erklärte, die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Ostsektor Berlins hätten ihn gezwungen, die dortige Praxis aufzugeben« In einem dem Antrag vom 16« März 1953 beigefügten Lebenslauf äußerte der Beschwerdeführer, er sei seit dem 1. September 1944 selbständiger Rechtsanwalt« Auf den Hinweis des Kammergerichtspräsi-, denten, daß dies nicht richtig sei, behauptete er in einem weiteren Lebenslauf vom 28« April 1953, er sei im April 1947 genötigt gewesen, Berlin zu verlassen, ohne die frühere Löschung in der Liste der zugelassenen Anwälte und die damit verbundenen Vorgänge zu erwähnen« Trotzdem trug er wahrheitswidrig vor, er habe nunmehr seine Tätigkeit seit dem Jahre 1944 mit genauen Zeitangaben aufgeführt» b) Auch sonst waren viele Angaben in den Gesuchen bewußt falsch oder nicht vollständig« Solange das Strafverfahren in Berlin nicht näher bekannt geworden war, verschwieg er dieses, und zwar auch dann noch, als die Verurteilung mindestens formell rechtskräftig geworden war« Zu Recht hat bereits das Ehrengericht der Hanseatischen Rechtsanwalt3kammer in seinem Urteil vom 5» Mai 1951 - - ausgeführt, daß der Be- ses Antrages war auch noch nicht einmal der Erlaß des Generalstaatsanwalts in Schleswig vom 2» Februar 1951 ergangen, auf den der Beschwerdeführer sich jetzt zu seiner Rechtfertigung berufto Außerdem wurde durch diesen Erlaß die ersuchte Vollstreckung der durch die Ostberliner Gerichte ausgesprochenen Strafe nur deswegen abgelehnt, weil das Straffreiheitsgesetz vom 31» Dezember 1949 sinngemäß Anwendung finde» Die wiederholte Behauptung des Antragstellers, die er in der Beschwerdebegründung wiederum vorträgt, daß der Generalstaatsanwalt in Schleswig das Vollstreckungsersuchen deshalb abgelehnt habe, weil das Urteil des Amtsgerichts Köpenick rechtsstaatlichen Grundsätzen widerspreche, ist unrichtig» Dieser Umstand, daß er die falsche Behauptung auch jetzt noch wiederholt, zeigt allgemein die geringe.Wahrheitsliebe des Beschwerdeführers» c) Ebenfalls unrichtig ist die Erklärung im Gesuch vom 23» September 1950, ihm sei die Zulassung als Rechtsanwalt bis dahin niemals versagt worden, die der Beschwerdeführer auch jetzt wieder in seiner Rechtsmittelschrift aufstellt» Denn bereits am 30» März 1949 war die Zulassung bei dem Amtsgericht Rendsburg und dem Bandgericht Kiel abgelehnt, weil der Antragsteller noch in Waldmünchen zugelassen war» Dos weiteren war seine Zulassung beim Amtsgericht in Husum und dem Landgericht in Flensburg am 25« April 1950 durch Bescheid des Justizministers in Schleswig wegen seiner Bestrafung in Berlin versagt worden» Zwar war dieser Bescheid noch nicht rechtskräftig» Unabhängig davon mußte der Antragsteller jedoch die Versagung ängeben^ denn die Mitteilungen in den Zulassungsgesuchen sollten gerade die Möglichkeit eröffnen, daß etwaige der Zulassung entgegenstehende Tatsachen ermittelt und nachgeprüft wurden» Diese Verpflichtung zur Angabe hat der Antragsteller auch damals nach der Überzeugung des Senats gekannt» Sonst hätte er nicht noch zusätzlich erklären können, eine Zulassung in einem anderen Oberlandesgerichtsbezirk erstrebe er nicht» Hätte der Beschwerdeführer damals wirklich geglaubt, er brauche nur rechtskräftige Versagungen anzugeben, dann wäre er verpflichtet gewesen, das damals noch schwebende Zulassungsverfahren beim Ehrengerichtshof zu erwähnen, und hätte nicht erklären dürfen und können, er erstrebe nicht eine andere Zulassung» Diese Erklärung ist mit der anderen, ihm sei niemals die Zulassung versagt worden, bei der gegebenen Sachlage nicht vereinbar» Der Antragsteller meint zwar, es handle sich lediglich um ein Mißverständnis oder um einen Flüchtigkeitsfehler, wenn er zur Frage 13 des Personalbogens nur die bisher erfolgten Zulassungen angegeben habe» Deutlich war jedoch nach Zeit, Ort und Ergebnis von Gesuchen um Zulassung zur Rechtsanwaltschaft seit dem 8» Mai 1945 gefragt worden.Schon nach dem Wortlaut konnte kein Zweifel daran bestehen, daß alle seit diesem Zeitpunkt eingereichten Gesuche anzugeben waren, unabhängig davon, welchen Erfolg sie hatten. f) Schließlich läßt auch die Tatsache, daß er 1946 noch mehrere Wochen als Rechtsanwalt tätig war, obwohl seine vorläufige Zulassung widerrufen worden war, erkennen, daß er die Anforderungen und Pflichten, die der Beruf eines Rechtsanwalts mit sich bringt, nicht beachtet» Er beruft sich zwar darauf, daß er erst etwa ab Ende Oktober 1946 Klarheit über die Wirksamkeit des Widerrufs seiner Zulassung gehabt habe» Weshalb er im Unklaren gewesen ist, legt er jedoch selbst nicht näher dar» Es ist auch nicht ersichtlich, worüber, der Beschwerdeführer im Unklaren gewesen sein sollte» Seine vorläufige Zulassung war vom zuständigen Vizepräsidenten des Kammergerichts widerrufen worden, weil er falsche Angaben gemacht hatte» Vorher hatte er selbst bereits dem Vorstand der Rechtsanwaltskammer gegenüber erklärt, er werde sich in der Liste der zugelassenen Anwälte löschen lassen» Diese -Löschung erfolgte auf Grund des Widerrufs am 28» September 1946» Ein Rechtsmittel gegen den Widerruf hat der Beschwerdeführer nicht eingelegt» Daß er mindestens von der Löschung ab nicht mehr als Rechtsanwalt tätig v/erden durfte, kann dem Beschwerdeführer nicht unbekannt geblieben sein» Sinne ist, nicht ausschließlich mit dem Blick auf in der weiteren Vergangenheit liegende einzelne Handlungen beantwortet werden darf» Vielmehr sind die gesamten ira Zeitpunkt der Entscheidung über das neue Zulassungsgesuch vorliegenden Umstände zu berücksichtigen (vgl«, BGHZ 34, 252, 253)» Dabei darf ein langjähriges früherem oder späteres Wohlverhalten nicht unberücksichtigt bleiben (vgl«, Beschlüsse des Senats vom 15« Mai 1961 - Anv/Z (B) 5/61 und Anv/Z (B) 10/61)« Der Antragsteller hat sich jedoch über viele Jahre hinaus, so verhalten, daß er unwürdig erscheint, den Beruf eines Rechtsanwalts auszuüben, der als unentbehrliches Glied der Rechtspflege dem Rechte dienen solle Dieser Beruf erfordert Achtung vor dem Gesetz und der Standesvertretung, Gewissenhaftigkeit, sowie Sorgfalt und Rücksichtnahme auf die Person und Meinung anderere Diese Erfordernisse hat der Antragsteller nicht nur in der Vergangenheit mißachtet; er hat auch jetzt noch nicht deutlich seine unwahren Behauptungen zurückgenommen, sondern sie zu dem Teil ausdrücklich, zu dem Teil bei seinem Gesuch vom' 23«Juli I960 durch Bezugnahme auf die Unterlagen wiederholt« Roch in seiner Beschwerdebegründung trägt er unrichtige Behauptungen vor, u.aM daß der Erlaß des Generalstaatsanwalts in Schleswig-Holstein vom 2« Februar 1951 ganz anders als in Wirklichkeit begründet und daß ihm niemals bis 1950 die Zulassung versagt worden sei« Jemand, der die Zulassung zu dem verantwortungsvollen Beruf eines Rechtsanwalts durch so viele unrichtige Angaben zu erreichen versucht, zeigt damit, daß er die Anforderungen, die an den Beruf eines Rechtsanwalts gestellt werden, nicht erfüllt« Er darf daher zu diesem nicht zugelassen werden«