BGH · AnwSt (R) 7/65
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2» BRAO § 101; StPO § 354 Abs» 2 Besteht in einem Lande nur ein einziger Ehrengerichts-hof9 so ist die Errichtung mindestens zwcior Senate nunmehr schon infolge der Vorschrift des § 354 Abs» 2 StPO iodoPo des StPÄG vom t9* Dozembor 1964 geboten., die gemäß § 116 und § 146 Abs» 3 BRAO auch für das ehrengerichtliche Verfahren gilt® Auf die Revision der Beschuldigten wird das Urteil des Niedersächsischen Ehrengerichtshofs für Rechtsanwälte in Celle vom 22* Januar ?964 mit den Feststellungen aufgehobeno Dio Sache wird zu neuer Verhandlung und Ent« Scheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittols, an den 2a Senat des Ehrengerichtshofs zurückverwiesen o Von Rechts wegen Das Ehrengericht für den Bezirk der Rechtsanwalts-kammer Cello hat die Beschuldigte durch ürtoil von 9o März 1963 mit einem Verweis bestrafte Der Ehrengerichts-hof hat mit dem nunmehr angefochtenen Urteil die Berufung der Beschuldigten als unbegründet verworfene Der Bundesgerichtshof hat durch Beschluß vom 3"° Mai 1965 die Revision gegen dieses Urteil zugolasseno Die Revision der Beschuldigten beanstandet das Vex1-fahren und rügt Verletzung, sachlichen Recht So Das Rechtsmittel ist zulässig und begründeto Io Die sofortige Beschwerde, welche die Beschuldigte in Verbindung mit einem Antrag auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand vorsorglich neben der Revision gegen die Entscheidung dos Ehrengerichtchofs eingelegt hat, ist gegenstandslose Es trifft zwar zu, daß die in der Hauptvcrher.d-lung von 22o Januar 1964 verkündete Entscheidung in dei' Sitzungsniederschrift des Ehrengerichtshofs als ’’Beschluß** bezeichnet isto Dabei handelt ec sich aber nur um ein Vergreifen im Ausdruck«, Ihrer Eorm und ihrem Inhalt nach ist die angefochtene Entscheidung ein Urteil«, Davon ist der Senat auch schon boi seinem Beschluß vom 3K Mai 1965 aus-gegangen«, a) Wie das Bundesverfassungsgericht mehrfach entschiede] hat (BVerfGE 17, 294; 18, 65; 18P 344}, ist gesetzlicher Richter im Sinne des Art«, toi Abs« 1 Satz 2 GG nicht nur das Gericht als organisatorische Einheit oder das erkennende Gericht als Spruchkörper, vor dem verhandolt und von dom die einzolno Sache entschieden wird, sondern auch der zur Entscheidung in Einzolfall berufene Richter* Deswegen müssen die Regelungen, die der Bestimmung des gesetzlichen Richters dienen, so eindeutig wie möglich bestimmen, wolche Richter zur Entscheidung des Einzolfalles berufen sind* Mit RückeicÄ auf versehiodenaftigo Umstände ist ec jedoch zulässig«, daß das Präsidium den einzelnen Spruchkörpern ?Kammern oder Sonaten) mehr Mitglieder als in der gesetzlich vorgeschriebe nen Richterzahl zuteilt; das ergibt sich daraus, daß von vornherein dem stetigen Wechsel in der Geschäftslast und in der Leistungsfähigkeit, der einzelnen Richter, der immer wieder vorkommenden Verhinderung einzelner Richter durch Urlaub, Krankheit, Ausscheiden aus dem Amt u* derglo und ähnlichen Umständen Rechnung getragen werden muß» In diesem Sinn ist die Überbesetzung verfassungsrechtlich zulässig,, soweit oie unvermeidbar ist, um eine geordnete Rechtsprechung zu gewährleisteno Ob hiernach die Überbcsotzung unvermeidbar ist, hat grundsätzlich das Gerichtspräsidiun in eigener Zuständigkeit zu entscheiden (BVerfGE 18«, 3445 350) o Rechtsanwälten besetzt; der Vorsitzende des Senats muß ein Rechtsanwalt sein; bei den Verhandlungen und Entscheidungen müssen außer dem Vorsitzenden 30 zwei Rechtsanwälte und zwei Berufsrichter mitwirken (§§101, 104 BRAO) o Die anwaltlichen Mitglieder des Ehrengerichtshofo haben zwar als solche während der Dauer ihres Amtes alle Rechte und Pflichten eines Berufsrichters (§95 Abs0 ? Satz 1, § 105 Abs« 2 Satz 1 BRAO), sind aber eben nicht (M Berufsrichter, sondern im Hauptberuf Rechtsanwälteo Wegen dieser Besonderheiten, vor allem der Tatsache, daß die anwaltlichen Mitglieder des Ehrengerichtshofs nicht mit voller Arbeitskraft für die Mitarbeit im Ehrengericht a -hof zur Verfügung stehen, können die Grundsätze, die das Bundesverfassungsgericht hinsichtlich der Grenzen der Zulässigkeit einer Überbesetzung der Spruchkörper aufgestcllt hat, nur mit gewissen Abwandlungen angewandt,werden® aa) Unverändert muß der Grundsatz gelten* daß eine Überbesotzung rechtlich zwar zulässig ist* aber nur soweit sie unvermeidbar ist* um eino geordnete Rechtsprechung zu gov/ährloisten» Darübor hat» sobald bei einem Ehrengerichtshof mehrere Senate errichtet sind* nach pflichtgemäßem Ermessen das Präsidium dos Ehrengerichtshofs zu entscheiden (§ '05 Abo« 1 BRAO» §§ 63« 64 Abs« 1 GVG); hinsichtlich der Bereitstellung von Richtern in der notwendigen Zahl ist die Zuständigkeit dor Landes Justizverwaltung gegeben C§ 102, bb) Der Satz* daß ein Spruchkörper nur mit Richtern in einer solchen Zahl besetzt sein dürfe* daß es ihm nicht möglich sei» in zwei personell voneinander verschiedenen Sitzgruppon Recht zu sprechen» ist nicht gesetzlich festgelegt® Er ist violmehr aus dom Grundsatz hergcleitot» daß die Überbesetzung nicht über das Maß dessen hinausgehon darf* das als zur Gewährleistung einer geordneten Rechtsprechung noch unvermeidbar angesehen werden kann® Es ist zu beachten» daß es bei den Strafkammern der Landgerichte und den Senaten | der Oberlandesgerichte» mit denen bisher das Bundesver- Aus vier Berufsrichtern, die dem Senat angehoren*, können zwar zwei voneinander personell verschiedene Beisitzer-gruppen gebildet werden0 Die Zugehörigkeit von vier Berufsrichtern macht es aber, für sich allein betrachtet« dem S enat noch nicht möglich , in zwei per sonell völlig vor« schiedenen Sitzgruppen zu ent scheiden« Diese Möglichkeit hat ein Senat des Ehrengerichtshofs vielmehr erst dann, wenn er mit mindestens vier Berufsrichtern und mit mindestens sochs Rechtsanwälten, darunter dem Vorsitzenden und dem stellvertretenden Vorsitzenden des Senats*, besetzt ist«, § 104 BRAO macht aber einen klaren Unterschied zwischen den dem Senat angehörendon Berufsrichtern und Rechtsanv.ältej Er schreibt vor, wieviel Beruferichter und wioviol Rochts-anwälto bei jeder Entscheidung des Senats mitzuwirkon haben« Des wegen kann nach der Auffassung des erkennenden Senats bei der Beurtoilung der Präge, in welchem Maßo die Besetzung dos Senats des Ehrengerichtshofs nochmals zulässig angesehen worden kann-, nicht unterschiedslos auf die Gesamtzahl aller Mitglieder des Senats abgestellt werden* Vielmehr muß die Präge, welches Maß der Besetzung noch hingeuemmen werden Wenn es noch zulässig erscheint, daß einer Kammer eines Landgerichts "allenfalls zwei", aber nicht mehr Mitglieder über die gesetzlich vorgeschriebene Richterzahl hinaus zugeteilt werden, so sind keine Umstände erkennbar, die es rechtfertigen könnten, hinsichtlich der berufsrichterlichen Beisitzer eines Senats des Ehrengerichtshofs einen darüber hinausgehenden Standpunkt einzunehmeno Auch ihm dürfen daher nicht fünf oder mehr Berufsrichter als Beisitzer angeboren, zu demal - anders als bei den Kammern des Landgerichts -keiner von ihnen durch die Wahrnehmung der Aufgaben des stellvertretenden Vorsitzenden in Anspruch genommon und dadurch den Aufgaben eines Beisitzers entzogen werden kann«, Senat des Ehrengerichtshofs mehr als vier Rechtsanwälte als Beisitzer zuzuteilen«, Während die Beruforichter sich ausschließlich ihrem Richterberuf widmen können und das Präsidium bei der Zuteilung der einzelnen Richter zu jeweils einem oder mehreren Senaten üb erblicken kann* v/ioviol ihrer Arbeitskraft sie der Arbeit im einzelnen Senat zur Verfügung stellen können«, ist dies bei don Rechtsanwälten gänzlich anders* Sic üben im Hauptberuf die Anwalts« tätigkoit aus« Bas wechselnde Haß und die Bringlichkeit der Inanspruchnahme durch ihre eigene Praxis läßt sich von vornherein kaum überblicken* Dazu kommt«, daß die anwaltlichen -Beisitzer des Ehrengerichtshofs- nicht alle oder auch nur ^ zu dem überwiegenden Teil am Sitz d$s Ehrengerichtshofs ansässig sein werden«, sondern zu dem Teil boi dem räumlich ausge-dehnten (in NiederSachsen das ganze Land umfassenden) Bezirk des Ehrengerichtshofs bei weit entfernten Gerichten zuge-lassen und ansässig sein können* Biese und ähnliche Umstände werden nicht selten zur Polgo haben«, daß gleichzeitig mehrere anwaltliche Mitglieder des Ehrengerichtshofs an der Teilnahme an einer in Aussicht genommenen Sitzung in einar möglicherweise oilbedürftigen Sache verhindert sind* Bio Befürchtung«, daß die sachgerechte Erledigung der Geschäfte des Ehrengerichtshofs in Präge gestellt wäre* wenn dem Senat nur fünf Rechtsanwälte als Mitglieder (einschließlich des Vorsitzenden) angehören würden«, läßt sich daher nicht von der Hand weisen* Bei dieser regelmäßig gegebenen Sachlage kann grundsätzlich nichts dagegen eingewendet werdenr, daß«, um eine geordnete Rechtsprechung des Ehrengerichtshofs zu gewähr lei st en«, dem Senat mehr als nur vier Rechtsanwälte als Beisitzer zugeteilt werden® Die Fälle der Verhinderung einzelner Mitglieder werden sich nämlich besonders häufen* wenn ein Senat stark belastet ist und deswegen schon bei der Bestimmung der einzelnen Termine und der Zuziehung der anwaltlichen Beisitzer zu diesen oft Schwierigkeiten auftreten* In einem solchen Fall empfiehlt es sich* bei dem Ehrengerichtshof mehrere Senate zu errichten und die Geschäfte unter ihnen entsprechend zu vertoileno Besteht in einen lande nur ein einziger Ehrengerichtshofr so ist d'-ie’Errichtung', mindestens1'zweier Senate nunmehr(3chon infolge der Vorschrift des § 554 Abs«, 2 StPO iod*F» des StPÄG von 19«, Dezember 1964 geboten* die gemäß § 116 und § 146 Abs* 5 BRAO auch für das ehrengerichtliche Verfahren gilt* Das Ermessen der LandesJustizverwaltung, die Zahl dor zu bildenden Sonate zu bestimmen«, ist hierdurch eingeschränkt wordene AbsU4 BRAO nicht toilgenommenp konnte also solbot zur Grundlage von Pest Stellungen dienende Erklärungen nicht abgeborio Eine Beweisaufnahme hat ausweislich der Sitzungsniederochrift nicht statt gef undeno Es ist auch nicht zu erkennen«, ob der Berichterstatter im Rahmen seines Vortrags gemäß § 524 Abs.t StPO in Verbindung mit § 143 Abs» 4 BRAO das Urteil dos ersten Rechtozugs ganz oder auszugsweise verlosen hat«, ob also auf diese Weise den Mitgliedern des Ehrengerichts« hofs die maßgebenden» im Urteil des Ehrengerichts wörtlich wiedergegebenen Urkunden wenigstens mittelbar zur Kenntnis gebrächt worden sindo Da das möglicherweise nicht geschehen ist» braucht nicht entschieden zu werden«, ob im ehrengerichtlichen Eerufungsverfahron auf den Vortrag des Berichterstatter s und die in seinen Rahmen erfolgende Vorlesung des Urteils des Ehrengerichts allein» ohne weitere Bewcicauf-nähme» Poststollungen gegründet werden können ;vgl. Ausdruck verwendet hat» der ’’sachwidrig und dom Ansehen der Anwaltschaft abträglich” war und ’’nicht zu den Hot-Wendigkeiten, sachlicher Prozeßführung gehörte” und ob ihr daraus allenfalls ein Vorwurf gemacht werden konnte* Für diese Beurteilung ist von Bedeutung» daß die Schriftsätze» die der Rechtsanwalt als Parteivertreter in einem Zivil-Prozeß bei Gericht einreicht» der einseitigen Y/ahrnchraurg der Interessen seiner Partei-dienen* Der Rechtsanwalt darf darauf vertrauen* daß der Sachverhalt«, soweit er streitig ist» im Beweisverfähren geklärt wird* Dem Rechtsanwalt muß auch hinsichtlich der Form seiner Schriftsätze eine gewisse Freiheit zugestanden worden; er darf das?