BGH · AnwSt (R) 10/66 vom 16.01.1967
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
a) Zu den "allgemeinen Gesetzen", welche gemäß Art«, 5 Abs«, 2 GG das Recht auf freie Meinungsäußerung einschränken, gehören auch die in § 43 BRAO nach Art einer Generalklausel behandelten Standespflichten der Rechtsanwälte„ Auf die Revision des Beschuldigten werden die Urteile des Ehrengerichtshofs für Rechtsanwälte bei dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg vom 2Ao Juni 1965? Der Beschuldigt wurde durch Urteil des Ehrengerichts für den Bezirk der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer, Zweite Kammer, vom 24« November 1964 wegen Standesvergehens gemäß §§ 43, 113, 114 BRAO zur Strafe der Warnung verurteilt« Seine gegen dieses Urteil eingelegte Berufung wurde durch Urteil des Ehrengerichtshofs für Rechtsanwälte bei dem Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg vom 24« Juli 1965 verworfen» Hiergegen hat der Beschuldigte, nachdem die Revision auf seine Beschwerde hin durch Beschluß des Senats vom 2o Mai 1966 zugelassen worden war, formund fristgerecht Revision eingelegt« Das Ehrengericht hat gegen den Beschuldigten die Strafe der Warnung verhängt, weil er in einer an das Konkursgericht Hamburg gerichteten Eingabe vom 30« Mai 1963 den schwerwiegenden Vor**urf erhoben habe, der Konkursrichter habe ohne die 11 für einen Richter gebotene Objektivität" gehandelt« Dieser Verurteilung ist der Ehrengerichtshof unter Zugrundelegung folgender tatsächlicher BestStellungen beigetreten: ”Ich stelle zur Erörterung, ob es mit der für einen Richter gebotenen Objektivität in Einklang zu bringen ist, wenn Prau D^pjp als Zeugin vernommen wurde, offenbar nur zu dem Zweck, um dem Konkursverwalter die diesem erforderlich erscheinenden Angaben für einen von ihm gegen Prau Dpj)P anzustrengenden Prozeß zu beschaffenund ob nicht der Konkursrichter die Pflicht gehabt hätte, sich um eine objektive Aufklärung des Sachverhalts dadurch zu bemühen, daß er mich als Zeugen vernahm oder mich zur Zeugenvernehmung der Prau Dpp|^ heran« zog« Um von mir aus diese Präge prüfen zu können, bifcbe ich, mir von dem Protokoll über die Vernehmung der Prau Dppfe vom 3 ° Mai 1963 eine Abschrift zu übersenden«” v.Der Ehrengerichtshof erblickt in Übereinstimmung mit dem Ehrengericht das standeswidrige Verhalten des Beschuldigten darin, daß er dem Konkursrichter - wenn auch in die Bonn einer rhetorischen Präge gekleidet -den Vorwurf mangelnder Objektivität und mangelnder objektiver Aufklärung des Sachverhalts gemacht habe»-Freilich sei dem Anwalt keineswegs unter allen Umständen Kritik an einem Richter oder an einer richterlichen Entscheidung versagt» Der Anwalt habe unter Umständen nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, sich kritisch über Maßnahmen des Gerichts zu äußern» Jedoch habe das Recht des Anwalts zu kritischen Äußerungen über richterliche Maßnahmen zwei Voraussetzungen: Es genüge nicht, daß der Anwalt subjektiv davon überzeugt sei, daß der Richter nicht richtig gehandelt habe» Es müßten vielmehr auch objektiv Tatbestände vorliegen, die dem Anwalt ein solches Recht gäbeix» Zur Ermittlung dieser Tatbestände gehöre aber eine hinreichende Aufklärung des vorliegenden Sachverhalts» Daran habe es der Beschuldigte fehlen lassen» Gemäß § 75 KO habe nämlich ein Konkursrichter das Recht und die Pflicht, Zeugenvernehmungen "zur Aufklärung aller das Verfahren betreffenden Verhältnisse" anzuordnen» Diese Befugnis sei dem Konkursrichter nicht nur zur Vorbereitung von gerichtlichen Entscheidungen, sondern auch zur Vorbereitung von Maßnahmen des Konkursverwalters eingeräumt» Es wäre dem Beschuldigten unschwer möglich gewesen, über Einzelheiten der Befugnisse des Konkursrichters Klarheit zu gewinnen» Ein standesrechtlicher Vorwurf müsse ihm daraus gemacht werden, daß er es unterlassen habe, sich durch Einsicht in die Konkursakten, vor allem in Bas Bedenken des Beschuldigten, die Einrichtung der Ehrengerichte und Ehrengerichtshöfe für Rechtsanwälte entspreche nicht den Anforderungen des Art. 97 GG an die Unabhängigkeit der Gerichte, ist daher unbegründet o 2, Der Senat hat die Revision zugelassen, weil der Ehrengerichtshof, ohne sich ausdrücklich dazu zu äußern, über eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung mit entschieden hat» Die Entscheidung darüber, ob der Beschuldigte standeswidrig gehandelt hat, ist nämlich von der Vorfrage abhängig, welche Wechselbeziehungen zwischen den Standespflichten eines Rechtsanwalts auf der einen und dem Grundrecht der freien Meinungsäußerung - Art» 5 GG - auf der anderen Seite bestehen« Nach Art 5 GG hat jedermann das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten (Abs« 1)« Jedoch findet dieses Recht seine Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze (Abs» 2). Auch für das Standesrecht der Rechtsanwälte hat der ehemalige Ehrengerichtshof für deutsche Rechtsanwälte ausdrücklich in der Entscheidung EGH Bd0 26, 43, 51 ausgesprochen, daß es zu den "allgemeinen Gesetzen" im Sinne von Art» 118 WeimRV zu rechnen sei» Dieselbe Auffassung liegt unausgesprochen zahlreichen Entscheidungen des damaligen Ehrengerichtshofs zugrunde, in denen jeweils Strafen für ungerechtfertigte Angriffe gegen Richter, besonders wegen des unbegründet erhobenen Vorwurfs mangelnder Objektivität, ausgesprochen worden sind (vgl0 etwa EGH 22, 34, 157; 25, 156; 26, 242; 28, 88), Denn er hat verkannt, daß die Eingabe vom 30, Mai 1963 an den Konkursrichter selber gerichtet war und ihrem klaren Wortlaut entsprechend gerade erst Aufklärung darüber erstrebte, ob dem Konkursrichter etwa der Vorwurf mangelnder Objektivität zu machen sei. Es geht nicht an, einem Anwalt das für die Ausübung seines Berufs unentbehrliche Recht der freien Meinungsäußerung dadurch zu verkürzen, daß ihm untersagt würde, anläßlich eines Meinungsaustauschs mit einem bestimmten Richter "zur Erörterung zu stellen", ob eine von diesem getroffene Maßnahme mit den richterlichen Pflichten in Einklang zu bringen ist© Hätte sich allerdings der Beschuldigte mit einer solchen Präge, was hier nicht geschehen ist, an die Öffentlichkeit oder an eine für die Behandlung der Angelegenheit nicht zuständige Amtsstelle gewandt, so hätte in der Tat Anlaß zu einer Prüfung bestanden, ob es sich etwa um eine rein rhetorische Präge handelte, die von den Adressaten als eine Beschuldigung oder Verdächtigung des betreffenden Richters aufgefaßt werden sollte oder mußteo Eine andere Beurteilung muß indessen im vorliegenden Palle Platz greifen, in dem es sich um einen unmittelbaren Gedankenaustausch zwischen einem Anwalt und dem mit der fraglichen Angelegenheit befaßten Richter handelteo Nicht allein der den engeren Gegenstand der ehrengerichtlichen Anschuldigung bildende Satz: Bei einem solchen Rechtsgespräch mit einem Gericht darf es dem Anwalt nicht verwehrt werden, dem Richter zugleich den rechtlichen Gesichtspunkt zu nennen, unter dem er ein von ihm mißbilligtes Vorgehen prüfen möchte« Die Eingabe vom 30« Mai 1963 läßt daher, für sich allein ) betrachtet, eine Ehrenkränkung und damit ein standes- Zutreffend hebt der Ehrengerichtshof demgegenüber den Umstand hervor, daß der Beschuldigte in einem späteren Zeitpunkt, nämlich in seiner Berufungsbegründung vom 21» Juli 1965» S» 7, ausdrücklich hervorgehoben hat, er stehe nicht an zu erklären, daß er das Verhalten des Konkursrichters mit richterlicher Objektivität nicht für vereinbar halte» Diese nachträgliche Äußerung, welche dem Beschuldigten naturgemäß weder in der Anschuldigungsschrift noch im EröffnungsbeSchluß (§§ 130, 131 BRAO) zur Bast gelegt worden ist, konnte im vorliegenden Verfahren nicht Gegenstand einer Verurteilung sein» Hiergegen hat auch der Ehrengerichtshof - entgegen einer dahingehenden Verfahrensrüge der Revision - nicht verstoßen« Indessen hat der Ehrengerichtshof den Satz der Berufungsbegründung rechtsirrig als ein Indiz für das, was in der Eingabe vom 30» Mai 1963 gemeint gewesen sei, behandelt, indem er ausführt, der Beschuldigte habe in seiner Berufungsbegründung den alten Vorwurf gegen den Konkursrichter "aufrechterhalten11» Jedoch muß die Eingabe .vom 30» Mai 1963 aus sich selbst heraus gewürdigt