BGH · 6 StR 137/54 vom 22.09.1954
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts in Berlin vom 20. Als sich die Abfertigung der Sendung mit Rücksicht auf bestehende postalische Vorschriften hinzog, kam es zwischen dem immer erregter werdenden Angeklagten und dem abfertigenden Postbeamten zu einem Wortwechsel, und der Angeklagte, der in diesem Zeitpunkt im Begriffe war, bei dem Aufsichtsbeamten vorstellig zu werden, rief aufgebracht: «Das ist Deutschland, dieser Miststaat, für diesen Staat zahlt man noch Steuern. Das Landgericht hat den Angeklagten wegen «Missachtung des Staates« (Vergehen nach § 96 Abs 1 Mr 1 StGB) in Tateinheit mit Öffentlicher Beleidigung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Dass das Schreiben der Vorgesetzten Behörde des Beleidigten, der Senatsverwaltung für Post- und Pem-meldewesen in Berlin, nicht ausdrücklich als Strafan- Der Senat, der als Revisionsgericht selbständige Feststellungen zu treffen hat, soweit es sich um Prozessvoraussetzungen handelt, sieht im Gegensatz zu den Ausführungen der Revision so wenig wie das Bandgericht einen Anlass, an der Richtigkeit der Angaben der Senatsverwaltung zu zweifeln und - mangels eines ausdrücklichen Beweisantrages - im Rahmen des § 244 Abs 2 StPO Beweis zu erheben. 1.) Dagegen muss die Revision mit der Sachrüge durchgreifen, sowei^^Lgr Angeklagte wegen Vergehens ' nach § 96 Abs 1 Hr 1/verurteilt worden ist. Deutschland oder eines ihrer Länder beschimpft oder böswillig verächtlich macht« Sie hat, wie aus § 96 Abs 3 StGB hervorgeht, n^cht zur Voraussetzung, dass der Täter in staats- oder verfassungsfeindlicher Absicht handelt. Sie bezieht sich aber nicht schlechthin auf die Bundesrepublik als Staat oder deren Länder als Staaten* Sinn der Vorschrift ist es vielmehr, die Bundesrepublik und ihre Länder in ihrer besonderen Wesenheit und Gestalt als auf eine freiheitlich-demokratische Ordnung gegründete Staatswesen vor Herabwürdigungen zu schützen« Das folgt in erster Linie aus der Aufnahme der Bestimmung in den zweiten Abschnitt des zweiten Teils des Strafgesetzbuches, der von der Staatsgefährdung handelt und damit, wie vor allem die einleitende Vorschrift des § 88 StGB deutlich macht, allgemein Angriffe gegen den 3taat in seiner gegenwärtigen verfassungsrechtlichen Substanz als freiheitliche repräsentative Demokratie treffen will; das ergibt sich zu dem anderen ag<§§gaus dem besonderen Zusammenhang mit § 96 Abs 1 Kr der die Symbole der Bundesrepublik und ihrer Länder vor herabwürdigenden Xusse-rungen schützt, Symbole, in denen, was vor allem bei den Bundesfarben und der Bundesflagge hervortritt, nicht nur die Nationalität, sondern auch das Bekenntnis zu den die Verfassungen von Bund und Ländern tragenden freiheitlich-demokratischen Auffassungen versinnbildlicht ist. Eine Beschimpfung der Bundesrepublik (oder eines ihrer Länder) .verwirklicht den Tatbestand des § 96 Abs 1 Nr 1 StGB also nur dann, wenn sie sich gegen diese als einen Staat bestimmter Prägung im Sinns der das Wesen dieses Staates kennzeichnenden freiheitlich-demokratischen Grundordnung richtet. ne beschimpfende Äusserung auf die Bundesrepublik und das land Berlin bezogen, nicht in diesem Sinne getroffen hatIm Gegenteil ist den weiteren Feststellungen des Urteils deutlich zu entnehmen, dass der herzkranke und leicht reizbare Angeklagte die ihm zur Last gelegte Äusserung gebrauchte, weil er die bei der Postabfertigung unerwartet auftretenden Hindernisse, durch die er einen beträchtlichen Vermögensverlust besorgte, als Ausfluss einer umständlichen und schwerfälligen Bürokratie ansah und den nach seiner Keinung zu sehr in hergebrachten, also keineswegs für die Bundesrepublik Deutschland typischen Dienstvorschriften erstarrten Appa rat der staatlichen Verwaltung treffen wollte. 2.) Die Verurteilung des Angeklagten wegen Beleidigung wird von den Feststellungen getragen Die Ausführungen der Revision greifen insoweit nur die BeweiswUr-digung an und sind deshalb unbeachtlich. Sollte das Landgericht erneut auf eine Freiheitsstrafe erkennen, so wird es bei der Prüfung einer Anwendung des § 23 StGB in erster Linie die Vorschriften des § 23 AbB 3 Nr 2 und 3/iu berücksichtigen haben.